Fußball-Krimi in Lübeck: Zum D/A-Triumph fehlen fünf Minuten

Nach dem 2:2 beim VfB Lübeck am Sonnabend hat D/A die Qualifikation für die Meisterrunde knapp verpasst. Das entscheidende kleine „My“ fehlte dem Club dort – und in der gesamten bisherigen Saison. Wie das Spiel lief und was Präsidet Rigo Gooßen sagt.

Nach dem 95 Minuten dauernden Fußball-Krimi auf der Lübecker Lohmühle sacken die Fußballer der SV Drochtersen/Assel auf dem Rasen völlig erschöpft zusammen. Sie haben gekämpft bis zum Schluss. Alles, was ein grünes Trikot trägt, bricht in Jubelstürme aus. Die knapp 3000 Zuschauer jubeln. Lübeck jubelt.

Dieses 2:2-Unentschieden fühlt sich für die Drochterser wie eine Niederlage an. Kapitän Oliver Ioannou sagt das nach dem Spiel. Mittelfeldmann Maximilian Geißen auch. „Brutal bitter.“ Zwei Wörter, die neben einigen Spielern auch Lars Jagemann benutzt, um die Gemütslage wenigstens ein bisschen zu erklären.

Für D/A war ein Sieg Pflicht

Kurz vor dem Schlusspfiff führt D/A beim VfB Lübeck mit 2:1. Der Lübecker Tommy Grupe schießt seinen VfB im letzten Moment in die Meisterrunde und D/A in den Pool der elf Mannschaften, die ab März gegen den Abstieg spielen werden. D/A hätte das Spiel gewinnen müssen.

In den Gesichtern der Drochterser Spieler herrscht Leere. Lars Jagemann gibt sich mehr traurig als frustriert. „Das fühlt sich alles irgendwie verkehrt an“, sagt er. Auch Jagemann ist an der Seitenline 95 Minuten lang emotionale Achterbahn gefahren. Er zeigt diese eine Geste mit den Fingern. Zwischen Daumen und Zeigefinger ist nicht einmal ein Zentimeter Luft. Ein My eben.

Ab März spielt D/A nun gegen den Abstieg. SSV Jeddeloh, BSV Rehden, Lüneburger SK, HSC Hannover und FC Oberneuland heißen die Gegner, die in der Südstaffel die Plätze sechs bis zehn belegten. Aus der Nordstaffel folgen D/A St. Pauli II, Phönix Lübeck, Eintracht Norderstedt, Heider SV und Altona 93 in die Abstiegsrunde. D/A nimmt 18 Punkte mit. Das gilt als beruhigendes Polster, um mit dem Abstieg nichts zu tun zu haben. Mindestens die letzten vier dieser elf Mannschaften steigen in die Oberligen ab. Vielleicht auch fünf, wenn sich der TSV Havelse nicht in der 3. Liga halten kann.

Schweigeminute für die Ukraine

Das Spiel in Lübeck begann mit einer Minute der Stille. Der VfB Lübeck, die SV Drochtersen/Assel und die Fans beider Lager verurteilten Russlands Invasion in die Ukraine, den Krieg.

Nach einem Freistoß von Ashton Götz hatte Innenverteidiger Tjorve Mohr die Drochterser in der siebten Minute in Führung gebracht. Mohr streichelte den Ball nur mit seinen Haarspitzen. Der Kontakt reichte. Der Ball schlug im langen Eck gegen den Innenpfosten und von dort über die Linie. VfB-Torwart Eric Gründemann schaute nur hinterher. Ein Start nach Maß für die SV Drochtersen/Assel.

Im Spiel der Spiele setzte D/A-Trainer Lars Jagemann in der Defensive auf eine Dreierkette mit Arian Khodabakhshian, Tjorve Mohr und Liam Giwah. Die Außenbahnen besetzten Ashton Götz und Niklas Golke. Maximilian Geißen agierte im defensiven Mittelfeld. Neuzugang Jorik Wulff und Oliver Ioannou spielten offensiver. Im Angriff stellte Jagemann Hassan El-Saleh und Felix Niebergall auf. El-Saleh ist mit fünf Treffern der erfolgreichste Drochterser Torschütze der Saison.

VfB Lübeck findet schnell zurück ins Spiel

Der Treffer zeigte kurz Wirkung beim VfB. Aber nach elf Minuten übernahm Lübeck die Spielkontrolle. Und erarbeitete sich Chancen. In der 16. Minute konnte Patrick Siefkes das Gegentor nicht verhindern. Der Schuss von Mateusz Ciapa aus 18 Metern in den Winkel war zu gut. 1:1.

Dass in diesem Endspiel Feuer war, zeigte eine Szene in der 41. Minute. Jorik Wulff grätschte an der Mittellinie einen Lübecker übel um. Wulff sah die Gelbe Karte von Schiedsrichter Simon Rott. Danach lieferten sich beide Teams Rangeleien im Mittelkreis. Rott und seine Assistenten Sebastian Schiller und Christopher de Vries mussten schlichten.

Verbal ging es am Ende der ersten Halbzeit zur Sache. Sportlich gleich in den ersten Sekunden der zweiten. Der eingewechselte D/A-Offensivmann Martin Sattler stand nicht ein mal zwei Minuten auf dem Platz, da fiel ihm im Strafraum ein Abpraller vor die Füße. Sattler traf zur 2:1-Führung. Wenn VfB-Schlussmann Eric Gründemann zwei Minuten später nicht so stark pariert hätte, hätte Jorik Wulff zum 3:1 eingeschoben.

Das Spiel wurde hitzig. Erst recht, als Niklas Golke einen Lübecker in der 61. Minute von den Beinen holte. Das Foul mündete in einem wilden Geschubse. Samuel Abifade revanchierte sich mit einem Stoß an Golke. Golke fiel. Der Unparteiische zückte für Abifade die Rote Karte. Im VfB-Block zündete Pyrotechnik. Eine grüne Wolke schwebte über den Platz.

Drochtersen nutzt Überzahl nicht aus

Es rächte sich, dass D/A die personelle Überzahl nicht ausnutzte und mit Macht das dritte Tor wollte. Und dann gelang Tommy Grupe nach einer Ecke dieses eine Tor, das über den weiteren Saisonverlauf entscheidet.

Hätte Jannes Elfers vor ein paar Wochen gegen Altona den Elfmeter verwandelt. Hätte Ashton Götz gegen Flensburg den Ball in der Schlussminute freistehend über die Linie gedrückt. Hätte D/A beim 0:0 gegen Norderstedt und beim torlosen Spiel gegen Phönix Lübeck ein wenig mehr investiert. Dann wäre der Ausgang dieses Spiels beim VfB Lübeck am Sonnabend nicht mehr relevant gewesen im Rennen um die Qualifikation für die Meisterrunde. Selbst in diesem Saisonfinale besaßen die Drochterser in der Nachspielzeit die Chance zum 3:2. Hätte Oliver Ioannou…

Die SV Drochtersen/Assel hat von 20 Spielen in dieser Saison nur drei verloren. Deshalb fühlt es sich für den Trainer so verkehrt an. In der Bilanz stehen aber auch neun Unentschieden. Das sind mindestens ein oder zwei zu viel.

Das sagt D/A-Präsident Rigo Gooßen nach dem Spiel in Lübeck 

Herr Gooßen, wie war die Stimmung im Mannschaftsbus bei der Heimfahrt?

Wir waren alle niedergeschlagen. So lange hatten wir das Ziel vor Augen. Kurz vor Schluss fiel der Ausgleich. Das war das Schlimmste, was passieren konnte.

D/A spielte immerhin neun Mal unentschieden. Trauern Sie den verpassten Chancen nach?

Das hilft uns nicht weiter. Wir haben im Vergleich zur Parallelstaffel eine herausragende Bilanz. Dass sich die Lage am Ende so zuspitzt und dass die Konkurrenz solch eine Siegesserie hinlegt, war nicht zu erwarten.

18 Punkte nehmen sie mit in den Abstiegsrunde. Das ist ein beruhigendes Polster. Welchen Anspruch hat D/A nun für den Rest der Saison?

Wir hatten auch im Rennen um die Meisterrunde einen beruhigenden Vorsprung und haben es nicht geschafft. Das Polster ist trügerisch. Wir müssen jetzt ganz schnell den Kopf freikriegen und dann schnell die nötigen Punkte gegen den Abstieg sammeln.

Befürchten Sie, dass gegen die vermeintlich kleinen Gegner jetzt die Zuschauerresonanz nachlassen wird?

Das befürchte ich nicht. Im Gegenteil. Mit der Liga und dem Höhepunkt im Landespokal haben wir noch genug Action bis zum Saisonende.

Die Statistik des Spiels

Tore: 0:1 (7.) Mohr, 1:1 (16.) Ciapa, 1:2 (47.) Sattler, 2:2 (85.) Grupe

VfB Lübeck: Gründemann, Kölle, Grupe, Brackelmann, Lippegaus (64. Amamoo), Ciapa (88. Freitag), Rüdiger, Taritas (78. Kuisch), Boland, Abifade – Fakhro (57. Sezer)

SV Drochtersen/Assel: Siefkes, Golke (66. Owusu), Giwah, Mohr, Khodabakhshian (73. von der Reith), Götz, Ioannou, Geißen, Wulff (79. Steffens), El-Saleh, Niebergall (46. Sattler)

Schiedsrichter: Simon Rott (Bremen) – Assistenten: Sebastian Schiller und Christopher de Vries

Zuschauer: 2781

Rote Karte: Abifade (60., unsportliches Verhalten)

(Quelle: Stader Tageblatt; Autor: Daniel Berlin; Foto: Schlikis)