D/A-Kapitän Oliver Ioannou auf Abschiedstournee

Zehn Regionalligaspiele sind es noch, dann verabschiedet sich der Fußballer Oliver Ioannou von der SV Drochtersen/Assel. Wenn der 32-Jährige heute über sein bevorstehendes Karriereende spricht, bekommt er bereits glasige Augen.

Oliver Ioannou ist ein ziemlich emotionaler Fußballer. In der Weihnachtszeit des vergangenen Jahres führte er das TAGEBLATT durch das Heiligtum der SV Drochtersen/Assel, durch die spartanische, aber charmante Umkleidekabine im Kehdinger Stadion. Quasi sein zweites Wohnzimmer, in dem er bis zu diesem Zeitpunkt sechseinhalb Jahre lang ein- und ausging.

Geschätzt mehr als 1000 Mal rein und raus. Das Ende seiner Karriere als Leistungssportler war damals noch nicht offiziell. Aber als er da so auf der Holzbank saß und die Bilder der vergangenen Jahre in seinen Kopf kamen, musste er schlucken. In dieser Kabine feierten er und seine künftigen Ex-Kollegen Siege, dort feuerten sie nach Niederlagen vor Frust ihre Fußballschuhe in die Ecke, dort redeten sie über das Leben. Das wird Oliver Ioannou fehlen.

Der 32-Jährige wird D/A im Sommer nach dann sieben Regionalligajahren verlassen. Oliver Ioannou zieht endgültig nach Gesmold in der Nähe von Osnabrück. Seine Frau Marie und der gemeinsame Sohn Theo leben schon etwas länger dort. Im August bekommt die Familie erneut Zuwachs. Marie erwartet einen Jungen. „Die Entfernung zu Frau und Kind macht nicht glücklich“, sagt Oliver Ioannou. Die ewige Pendelei. Für Oliver Ioannou fühlt sich die Entscheidung richtig an, weil er mehr für die Familie da sein will. Seine Augen leuchten, wenn er in seinem kleinen Büro im Fitnesscenter auf der Elbinsel Krautsand von der Familie erzählt. Ioannou arbeitet dort und wohnt in einer Ferienwohnung.

In seiner neuen Heimat wird sich Oliver Ioannou dem örtlichen Club Viktoria Gesmold anschließen. Als spielender Trainer. Viktoria belegt in der Bezirksliga Weser-Ems 5 aktuell den neunten Tabellenplatz. Für zwei Jahre hat Oliver Ioannou dort unterschrieben. Eine Trainer-Laufbahn sei keine wirkliche Option. Wichtig für Ioannou ist es vielmehr, beruflich Fuß zu fassen. Er fängt bei einem Sponsor des Vereins im Baugewerbe an. Es soll ein Job mit Perspektive sein.

Führungsspieler ab dem ersten Tag

Sieben Jahre SV Drochtersen/Assel. 144 Regionalligaspiele für D/A. 11 Tore. 16 Torvorlagen. 31 Gelbe Karten. Das steht in Ioannous Bilanz. Aber D/A ist mehr als Statistik für Ioannou. Der damalige D/A-Trainer Enrico Maaßen hatte Ioannou im Sommer 2015 nach dem Regionalliga-Aufstieg vom Lüneburger SK Hansa nach Drochtersen geholt. Von Tag eins an hatte Ioannou die Rolle einer Führungskraft. Weil er mit dem LSK als Kapitän längst Erfahrung im Abstiegskampf gesammelt hatte. Weil Maaßen wusste, dass D/A als Neuling in der Regionalliga Charakterköpfe und Mentalität brauchen würde. Ioannou wurde zu Maaßens verlängertem Arm auf dem Spielfeld.

Ex-Coach Enrico Maaßen, heute Trainer der U 23 von Borussia Dortmund in der 3. Liga, über seinen Königstransfer im Jahr 2015: „Ich habe Oli damals vor allem deshalb geholt, weil er eine tolle Persönlichkeit ist, der auf und neben dem Platz Verantwortung übernimmt. Er findet immer gute Worte, auch in der Kabine. Auf dem Platz hat er tolle strategische Fähigkeiten. Er hat das Spiel verstanden und ist auf vielen Positionen im Zentrum einsetzbar. Es war ein guter Schachzug von D/A, dass wir ihn nach Drochtersen gelotst haben. Und ich glaube, dass er eng verbunden ist mit den Erfolgen, die der Verein in dieser Zeit hatte.“

Die Vorbild-Rolle hat den Kapitän geprägt

Oliver Ioannou musste immer Vorbild sein, er durfte sportlich nie locker lassen, sich nie gehen lassen. „Irgendwann war das auch anstrengend“, sagt Ioannou. Aber die Rolle hat ihn geprägt. Pünktlichkeit, Teamfähigkeit, Respekt, Verantwortung, Ehrgeiz. Eigenschaften, die Ioannou jetzt beim Einstieg in das Leben nach dem Fußball helfen.

Elard Ostermann, bis 2015 Ioannous Trainer beim Lüneburger SK Hansa, über seinen damaligen Leistungsträger: „Mit dem Jungen sind wir aufgestiegen in die Regionalliga und haben auch die Spielklasse gehalten. An das letzte Spiel erinnere ich mich noch sehr gut. Er hat in Braunschweig das entscheidende Tor zum Klassenerhalt geschossen. Vom ersten Tag an hat Oli auf dem Platz als absoluter Teamspieler immer alles gegeben. In vielen Spielen lag er völlig entkräftet am Boden, weil er sich komplett ausgepowert und alles aus sich herausgeholt hat.“

Vor einigen Wochen machten Ioannou und D/A das Ende seiner Laufbahn im hochklassigen Fußball öffentlich. Zum Training am Vorabend brachte Ioannou eine Kiste Bier mit. Er saß noch lange mit Torwart Patrick Siefkes und Außenverteidiger Jannes Elfers auf der Holzbank in der Kabine und sprach über die vergangenen Jahre, über Gott und die Welt. Die, die nicht beim Training waren, wie Nico von der Reith zum Beispiel, schickten ihm Nachrichten und schrieben, wie schade sie seinen Abgang finden. Innenverteidiger Nikola Serra lud Ioannou zum Essen ein. Und zum Quatschen.

Ioannou ist die Gemeinschaft wichtig

„Am wichtigsten war immer die Gemeinschaft innerhalb des Teams“, sagt Ioannou. Der Verein ist auch deshalb so weit gekommen, weil es keine Quertreiber gibt, keine Egomanen. D/A stellte 2015 seine Transferpolitik um und setzte auf Kader mit Charakterköpfen. Umfeld, Spieler, die vielen Ehrenamtler, sagt Ioannou, haben immer zusammengehalten. „Ich kenne viele Zuschauer persönlich. Ich habe hier viele tolle Leute kennengelernt.“

Nico von der Reith, aktueller D/A-Spieler und langjähriger Weggefährte, über Oliver Ioannou: „Oli ist immer zu 100 Prozent fokussiert. Die Kein-Bock-Mentalität gibt es bei ihm nicht. Er führt die Mannschaft und ist charakterlich ein starker Typ. Er macht jede Mannschaft besser. Wir brauchten damals eine Leitfigur, um in der Regionalliga zu bestehen. Er wusste, worauf es ankommt. Jetzt muss es unser Ziel sein, die Lücke zu schließen. Neue Spieler müssen in die Chefrolle hineinwachsen.“

Von unschätzbarem Wert seien die sportlichen Erfahrungen. Die vielen Siege gegen die Drittligisten im Landespokal, die Duelle im DFB-Pokal, Ioannous „wichtigstes Tor“. Sein 2:0 gegen den VfB Oldenburg im Halbfinale des Landespokals ebnete den Weg zum ersten Pokal-Triumph im Jahr 2016. Ioannou lief auf der rechten Angriffsseite im Marschwegstadion in Oldenburg einen Konter und hämmerte den Ball oben rechts in den Torwinkel. Die Bilder hat er noch oft im Kopf.

Mit Punktepolster in die Abstiegsrunde

Ein paar Bilder könnten noch hinzukommen. Zehn Ligaspiele bestreitet D/A in den nächsten Wochen in der Abstiegsrunde der Regionalliga Nord. Am Sonntag um 15 Uhr trifft die Mannschaft auf den HSC Hannover. Lange knabberte Oliver Ioannou an der „gefühlten Niederlage“ beim 2:2-Unentschieden gegen den VfB Lübeck im letzten Spiel der Hauptrunde. Drei Minuten hatten darüber entschieden, ob D/A im Konzert der Großen mitspielen darf oder sich jetzt mit elf Mannschaften um den Verbleib in der Liga streiten muss. Der Club geht zwar mit einem kleinen Punktepolster in die Abstiegsrunde, darf sich aber nicht viele Ausrutscher erlauben. Im Landespokal-Halbfinale trifft D/A über Ostern auf den BSV Rehden.

Oliver Ioannou will das Maximum. Die Tabellenführung in der Abstiegsrunde, den Pokalsieg. Spieler und Zuschauer werden sich nach seinem letzten Auftritt vor ihm verneigen. Dann hat er fertig.

(Quelle: Stader Tageblatt; Foto: Schlikis)