Zu Besuch beim Anwärterlehrgang: Wie Fußball-Schiedsrichter ausgebildet werden

DROCHTERSEN. Ein paar Stunden lang drücken sie die Schulbank. Dann geht es raus auf den Fußballplatz. Im Kreis Stade hat ein Schiedsrichterlehrgang begonnen. Eine Reportage über Abseits, Image und Beleidigungen.

Anwärterlehrgang nennt der Niedersächsische Fußballverband (NFV) den Kurs, mit dem deutschlandweit für einen Schiedsrichter alles beginnt. 60.000 Unparteiische pfeifen aktuell die Spiele von 126.000 Fußball-Mannschaften in der Bundesrepublik. Im Kreis Stade sind derzeit zwischen 160 und 180 Schiedsrichter für 36 Vereine und 175 Mannschaften unterwegs.

Im Vergleich sei das ein deutlich angenehmeres Verhältnis, sagt Marvin Hauschild, der im Fußballkreis Stade Schiedsrichter ausbildet. „Aber der Kreis hat immer mal wieder einen Fehlbestand“, sagt Hauschild. Im vergangenen Jahr fehlten rund 30 Schiedsrichter.

Schiedsrichter-Ausbildung beginnt mit dem Anwärterlehrgang

Deshalb sind an diesem Abend in Drochtersen die Anwärter da. Ihre Gesichter verstecken sie im Vereinsheim hinter Masken. Aber der NFV ist froh, überhaupt wieder Schiedsrichter ausbilden zu können. Dies ist der erste Lehrgang seit einem halben Jahr. Während der Corona-Pandemie an neues Personal zu kommen, ist nicht so leicht.

Alex Wettern ist mit 16 Jahren im besten Anwärter-Alter. Die meisten seiner Mitstreiter sind in diesem Alter. Thomas Holm sticht ein wenig aus der Gruppe heraus. Mit 34 gehört er zu den älteren Semestern. Beide sind bei der SV Drochtersen/Assel organisiert. Wettern spielt bei der U 17 in der Kreisliga selbst Fußball. Holm ist Jugendtrainer bei der U 15 in der Kreisliga. Und beide reizt der andere Blickwinkel auf ein Fußballspiel. Als Aktive, sagen beide, haben sie recht häufig über die Schiedsrichter gemeckert.

Schiedsrichter-Anwärter: In drei bis vier Jahren zum Kreisligaspiel

Erst als Trainer ist Thomas Holm ruhiger geworden. „Jetzt wirke ich auf die Jungs ein, dass sie respektvoll mit dem Schiedsrichter umgehen sollen“, sagt er. Alex Wettern erzählt, ein Freund habe ihn inspiriert, mal die Pfeife in die Hand zu nehmen. „Ich möchte später mal hochklassig pfeifen, aber kein Profi werden“, sagt Wettern. Beide Anwärter sammelten bereits erste Erfahrungen. Holm musste häufiger einspringen, wenn bei einem Jugendspiel kein Schiedsrichter da war. Wettern pfiff auch schon Partien von den ganz Kleinen.

Was Alex Wettern und Thomas Holm intuitiv an der Pfeife längst gemacht haben, soll in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren Struktur bekommen. In der Regel dauert es drei, vier Jahre, bis ein Anwärter das erste Mal in der Kreisliga der Männer ein Spiel leitet. Auf dem Weg dahin pfeift er Jugendspiele, Frauenspiele, steht bei den Männern als Assistent an der Linie und erlebt viele Lehrgänge und das persönliche Coaching von erfahrenen Schiedsrichtern.

Schiedsrichter gesucht: Verband zahlt Ausbildung Fortbildungen

Vorstellungsrunde im Vereinsheim in Drochtersen: Die Dozenten wissen, wovon sie reden. Marvin Hauschild (25) pfeift für D/A mittlerweile in der Landesliga der Männer, als Assistent ist er sogar schon in der Oberliga unterwegs. Dennis Eurig (30) ist beim SV Ottensen organisiert und als Schiedsrichter in der Kreisliga aktiv. Die Anwärter, die vor ihnen sitzen, wollen sich wieder sportlich betätigen, suchen ein neues Hobby, erzählen, dass sie sich bereits ausprobiert haben oder auf dem Platz gern mal zur Mecker-Fraktion gehören.

Ihre Motive sind verschieden. Beim Einmaleins fangen sie alle an. Der Verband zahlt die Ausbildung und die Fortbildungen. Fertige Schiedsrichter, die mindestens drei Spiele geleitet haben, erhalten freien Eintritt bei allen Fußballspielen der Amateure und auf DFB-Ebene.

Knifflige Entscheidungen: Herausforderungen für junge Schiedsrichter

Das mitunter durchwachsene Image eines Schiedsrichters ist Thema in der ersten halben Stunde. „Wir treffen manchmal unpopuläre Entscheidungen in kritischen Situationen“, sagt Marvin Hauschild. Manchmal kennen die Spieler oder Zuschauer die Regeln selbst nicht genau. Ein Schiedsrichter macht Fehler.

Abseits zum Beispiel kann ganz schön kompliziert werden. Auch wenn die Regel in der Theorie gar nicht so kompliziert ist. Der NFV definiert Abseits grundsätzlich so: „Ein Spieler befindet sich in einer Abseitsstellung, wenn er der gegnerischen Torlinie näher ist als der Ball und wenn er näher der gegnerischen Torlinie ist als der vorletzte Abwehrspieler.“ Dabei ist der Zeitpunkt der Ballabgabe entscheidend.

Zwölf Stunden Anwärterlehrgang, straffe Einheiten, viel Selbststudium

Die Anwärter im Drochterser Vereinsheim schauen sich an der Leinwand unzählige Spielzüge an. Fernsehbilder, bei denen in der Analyse ob Abseits oder nicht manchmal die Schiedsrichter danebenlagen, manchmal die Kommentatoren. „Die ersten Stunden waren cool“, sagt Alex Wettern. Die allgemeine Abseitsregel kenne er. „Aber die vielen Randaspekte waren mir neu“, sagt er. Thomas Holm erzählt nach der ersten Schulung, dass er einige knifflige Situationen auf dem Platz bereits erlebt hatte. „Bei manchen Regeln hatte ich aber ein A-ha-Erlebnis.“

Zwölf Stunden dauert der Anwärterlehrgang im Landkreis Stade. Im Heidekreis sind es 27 Stunden, im Landkreis Harburg sogar 36. Stade setzt auf straffe Einheiten und viel Selbststudium.

Im Präsenzunterricht lernen die Anwärter an zwei Tagen die Regeln, an einem Tag wiederholen sie den Stoff, sie erledigen online Hausaufgaben, gehen die Übungsfragen durch, sie müssen eine Zwischenprüfung ablegen und schließlich eine Prüfung. 

39 Prozent aller Unparteiischen sind schon einmal beleidigt worden

Die ganze Gruppe trifft sich Anfang März beim Kreisligaspiel zwischen der SV Drochtersen/Assel IV und dem SSV Hagen. Leiten wird Dozent Dennis Eurig das Spiel. An der Linie werden zwei Anfänger aus der Gruppe stehen, die ihre Prüfung bestanden haben. „Wir lernen nicht alles im Lehrgang. Vieles lernen wir auf dem Platz“, sagt Dennis Eurig.

Marvin Hauschild und Dennis Eurig präsentieren den Anwärtern an ihrem ersten Lehrgangstag Statistiken, die nachdenklich, aber auch Mut machen. „Es gibt Angriffe gegen Schiedsrichter, aber nur bei 0,1 Prozent aller Spiele“ steht auf einer Folie an der Leinwand. 82 Prozent der befragten Schiedsrichter hatten in einer Erhebung angegeben, nie mit Tätlichkeiten konfrontiert gewesen zu sein. Verbal geht es schon zur Sache. Immerhin sagten 39 Prozent der Unparteiischen, „manchmal“ beleidigt worden zu sein. Drei Prozent erklärten, „(fast) immer“ beleidigt zu werden.

Wie sie damit umgehen, lernen die Anfänger in der Praxis. Eine Laufbahn als Schiedsrichter einzuschlagen, soll sogar den Charakter stählen. Persönlichkeit stärken, Durchsetzungsvermögen und Selbstbewusstsein entwickeln. „Schiedsrichter sein hat (fast) nur Vorteile“, wirft Marvin Hauschild in die Runde.

Praxistest: Drei knifflige Fragen in der Schiedsrichterprüfung

Auf dem Weg zum fertigen Schiedsrichter legen die Anwärter eine Zwischenprüfung ab, in der sie bei 30 Fragen maximal sieben Fehler machen dürfen. In der Abschlussprüfung dürfen sie bei 30 Fragen fünf Fehler machen. Die Anwärter haben dabei eine Auswahl von 168 Fragen. Die Antworten geben sie ähnlich wie in der Fahrschule im Multiple Choice-Verfahren.

Hier sind drei knifflige Fragen. Die Antworten gibt es am Ende des Textes.

1. Ein Angreifer hindert den gegnerischen Torwart daran, den Ball abzuschlagen. Der Torwart ist verärgert und stößt dem Angreifer den Ball heftig ins Gesicht. Der Schiedsrichter verweist den Torwart mit der Roten Karte des Feldes. Wie wird das Spiel fortgesetzt?

A: Indirekter Freistoß für die Mannschaft des Torwarts.

B: Direkter Freistoß für die Mannschaft des Torwarts.

C: Strafstoß.

2. Bei der Ausführung eines Strafstoßes täuscht der Schütze unsportlich. Allerdings ist auch ein Verteidiger zu früh in den Strafraum gelaufen. Der Ball geht ins Tor. Wie muss der Schiedsrichter entscheiden?

A: Indirekter Freistoß; Verwarnung des Schützen.

B: Indirekter Freistoß.

C: Wiederholung des Freistoßes

3. Nach einem Torerfolg wird der Ball vom Anstoß aus direkt in das gegnerische Tor geschossen. Wie entscheidet der Schiedsrichter?

A: Wiederholung des Anstoßes.

B: Abstoß.

C: Tor; Anstoß.

(Quelle: Stader Tageblatt; Autor: Berlin; Fotos: Berlin und Struwe)