Der Fall Zeugner: So tragisch kann Fußball sein

DROCHTERSEN. D/A-Außenverteidiger Finn Zeugner (22) hat 2021 sportlich das Meiste verpasst. Seine Leidenszeit hat etwas Tragisches. Warum der Fußballer dennoch Optimist bleibt, die Realität aber nicht aus den Augen verliert.

Es ist Sonnabend. Der 28. August 2021. Die 23. Minute im Regionalligaspiel gegen den Heider SV läuft. Auf seiner rechten Abwehrseite geht Finn Zeugner in einen Zweikampf, will sich drehen, aber der Fuß bleibt einfach stehen. Zeugner hört ein Knacken im rechten Knie. „Ich lag da und wusste sofort Bescheid“, sagt Finn Zeugner.

Auf den Tag genau zehn Monate zuvor hatte sich Finn Zeugner das Kreuzband im linken Knie gerissen und die Menisken angerissen. Er kämpfte sich zurück, stand nach siebeneinhalb Monaten wieder auf dem Platz und zum Saisonauftakt, wie auch die drei Spiele danach, in der Startelf. Als Mitspieler Finn Zeugner an diesem 28. August vom Platz helfen, ist sein Gesichtsausdruck leer. Er ist geschockt. „Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Ich kann diesen Gesichtsausdruck heute noch fühlen“, sagt Finn Zeugner.

Schmerzen bei jeder kleinen Bewegung

Wieder Kreuzbandriss. Diesmal rissen die Menisken komplett. Wieder OP im Boberg Klinikum in Hamburg, wieder sechs Wochen auf Krücken, wieder Reha in den BG Kliniken in Bremen. Wenigstens ist Finn Zeugner, der aus Bremen stammt, in der Nähe seiner Familie. „In den ersten zwei Wochen hatte ich nachts eine Netto-Schlafzeit von einer Stunde“, sagt Finn Zeugner. Er sei bei jeder kleinen Bewegung vor Schmerzen aufgewacht und ertrug das nur mit Tabletten. Jetzt lebt Finn Zeugner wieder in Drochtersen. Wenn seine Fußball-Kollegen abends zum Training gehen, geht er in die physiotherapeutische Praxis.

In den ersten acht Wochen nach dem Spiel gegen den Heider SV hatte Finn Zeugner viel Zeit zum Grübeln. Der 22-Jährige grübelte darüber nach, „wie schnell alles den Bach runtergehen kann“. „Vor einem Jahr war ich noch davon überzeugt, irgendwann mal Fußballprofi zu werden. Und dann denkst du plötzlich ans Karriereende“, sagt Finn Zeugner. Das große Ziel verliert er nicht aus den Augen, nur unter Druck setzt er sich nicht mehr.

Mitleid will er nicht

Finn Zeugner setzt sich jetzt kleine Ziele. Montags bespricht er mit seinem Physiotherapeuten, wie stark er das lädierte Kniegelenk am Freitag belasten können möchte. Ob er schon Sprünge ins Training einbaut oder Drehungen. „Meistens schaffe ich es am Ende der Woche“, sagt Finn Zeugner. Zuletzt, sagt der Fußballer, habe er sich mit seinem OP-Arzt über die Fortschritte unterhalten. Selbst der war wohl ganz überrascht. „Ich bin komplett im Plan und positiv gestimmt. Ich bin sogar weiter, als ich muss“, sagt Finn Zeugner. Vielleicht hilft ihm der fokussierte Blick eines Leistungssportlers, für den Aufgeben keine Option ist. Er habe es ein Mal geschafft. Er schaffe es auch ein zweites Mal, nur eben ein wenig zurückhaltender. Er werde vernünftig sein und nicht überziehen.

Viel Zuspruch habe er erhalten kurz nach der Verletzung. Aber Mitleid will er nicht. Hilfe und Verständnis habe er bekommen. Aber den wochenlang verpassten Lernstoff an der Berufsschule und die verpassten Erfahrungen bei seiner Ausbildungsstelle in Drochtersen musste er aufholen. Finn Zeugner steckt im Endspurt seiner Ausbildung als Versicherungskaufmann. Seinem Chef, Lars Behrmann, und den Verantwortlichen der Schule in Stade ist er dankbar.

Ein Ziel: Beim DFB-Pokal auf dem Platz zu stehen

Die SV Drochtersen/Assel hat sich in der Nordstaffel der Regionalliga Nord drei Spiele vor Ende der Hauptrunde als viertplatzierter Verein eine gute Ausgangsposition für die Qualifikation für die Meisterrunde erarbeitet. Im Landespokal geht es im Halbfinale im April gegen Rehden weiter. Die vierte Qualifikation für den DFB-Pokal in der Vereinsgeschichte ist keine Utopie.

Im August auf dem Platz zu stehen, wenn es vielleicht im DFB-Pokal gegen einen großen Gegner geht, könnte so ein Ziel von Finn Zeugner sein. Aber er sagt, er höre auf seinen Körper. Er sei in der Leidenszeit gereift. „Ich habe gemerkt, was wirklich wichtig ist – Gesundheit und Zeit mit der Familie“, sagt Finn Zeugner.

(Quelle: Stader Tageblatt; Foto: Struwe)