Nach über sieben Jahren: D/A-Urgestein Florian Nagel löst Vertrag auf

DROCHTERSEN. Florian Nagel steht am Sonntag in der ihm ungeliebten ersten Reihe. Und dann wahrscheinlich auch noch mit einem Mikrofon in der Hand. Der Mittelfeldspieler des Fußball-Regionalligisten SV Drochtersen/Assel will sich verabschieden. D/A und Nagel haben den Vertrag zur Winterpause aufgelöst.

Das letzte Heimspiel des Jahres gegen Phönix Lübeck (So., 15 Uhr) wird zu Nagels großer Bühne werden. D/A-Präsident Rigo Gooßen wird den Zuschauern ein wenig über den 29-Jährigen erzählen. Dass Nagel „große Verdienste um den Verein hat“, dass der Fußballer „großen Anteil daran hat, dass D/A heute dort steht, wo es steht“.

Und dass er ihm fast ein Denkmal gesetzt hätte. Aber nur fast. Denn Florian Nagel scheiterte damals in der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals in der ersten Halbzeit mit seiner hundertprozentigen Chance an Bayern-Torwart Manuel Neuer. Der Rest der Geschichte ist bekannt. Die deutsche Fußballszene zollte dem Underdog eine Menge Respekt, weil D/A nur 0:1 verlor gegen den übermächtigen Gegner.

 143 Einsätze in Regionalliga-Nord, 20 Tore

Das Denkmal hätte Gooßen direkt neben den Platz gestellt. So erzählt es der Vereinschef. Mit einem Lächeln zwar, aber sie hätten ihren Zehner in Drochtersen auf jeden Fall auf Händen getragen. So muss sich Nagel die Sticheleien und die Geschichte immer wieder anhören. Oder die, wie er während des gleichen Spiels direkt in die Fernsehkamera lächelte und mit Daumen und Zeigefinger schelmisch andeutete, dass er das Tor nur ganz knapp verfehlte, nachdem er den Ball mit voller Wucht in Richtung Ritsch geschossen hatte.

Nach siebeneinhalb Jahren wird Florian Nagel die SV Drochtersen/Assel verlassen. Nach 143 Spielen und 20 Toren in der Regionalliga Nord, nach drei DFB-Pokalspielen, 17 Landespokalspielen und drei Landespokalsiegen. „Flo war an allen entscheidenden Sachen beteiligt“, sagt Rigo Gooßen. Inklusive dem Aufstieg von der Oberliga in die Regionalliga.

Nur noch wenige Minuten Einsatzzeit

Aber jetzt sei es für ihn Zeit. Er sagt selbst über sich, er sei ein leidenschaftlicher Fußballer, der immer spielen will. Trainer Lars Jagemann ließ ihn zuletzt allerdings nur wenig spielen. Eine Minute gegen den Heider SV, drei gegen Teutonia Ottensen, vier gegen Norderstedt, sieben gegen den VfB Lübeck, eine gegen Weiche Flensburg. Nagel kam immer in der Schlussphase, um in engen Spielen mit einem Wechsel noch ein paar Sekunden Zeit von der Uhr zu nehmen.

Dies ist nicht sein Anspruch. Und dennoch arbeitet er professionell im Training, jeden Tag. Diese Charaktereigenschaft lobte Jagemann, als der Verein am Montag im Kreise der Mannschaft Nagels Abgang verkündete. „Ich habe ein paar geschockte Gesichter gesehen“, sagt Nagel. Vor allem aber „nette Reaktionen“. Einige nahmen ihn in den Arm.

Wechsel zu einem Landesligisten der Region?

Was Nagel nicht will, sind Missverständnisse oder schlechtes Licht auf D/A. Der Verein und er trennen sich im Guten. Rigo Gooßen sagt, er habe der Vertragsauflösung schließlich auch zugestimmt, weil Nagel viele Jahre lang als Führungsspieler vorangegangen ist.

Der 29-Jährige denkt laut: „Offenbar sind die anderen derzeit zu stark. Aktuell gibt es keinen Platz für mich in der Startelf. Und ich habe auch im Moment nicht das Gefühl, dass sich das ändert. Es fühlt sich an, als ob es einen Neuanfang braucht.“

Nagel spricht derzeit mit einigen Landesliga-Clubs aus dem Landkreis Stade. Er will in der Region bleiben. Er ist hier verwurzelt. SV Ahlerstedt/Ottendorf, TuS Harsefeld? Vielleicht geht es in diese Richtung. Konkret sei noch nichts.

Angestellt beim Flugzeugbauer Airbus

Der Start ins Berufsleben macht Leistungssport auf Regionalliga-Niveau nicht leichter. Erst im Sommer hatte Nagel sein Maschinenbau-Studium abgeschlossen. Derzeit arbeitet er für ein französisches Unternehmen als Projektbegleiter in der Qualitätssicherheit beim Flugzeugbauer Airbus. Außerdem bremste Nagel eine nervige Schambeinentzündung lange Zeit aus. Vielleicht steht er auch deshalb nicht in der Startelf, weil er nach dem längeren Ausfall noch nicht die alte Qualität wiedererlangt hat. Er, der sagt, er sei kein Messi, sondern einer, der für das Team arbeitet, die Pässe spielt und verbal auf dem Platz vorangeht.

„Ein Einsatz wäre mega cool“

„Das Teamgefühl ist das, was D/A auszeichnet“, sagt Nagel. Erlebt habe er solch ein Gefüge bei seinen früheren Stationen noch nie. Nagel kickte für Werder Bremen und Hessen Kassel. Das Fußballspielen lernte er beim VfL Stade und beim TSV Wiepenkathen. Nagel fällt der Abschied schwer. „In Drochtersen ist alles sehr familiär und herzlich“, sagt er. Die bei D/A erlernte Mentalität sei wichtig gewesen für die Entwicklung seiner Karriere.

Ein Blumenstrauß vor dem Anpfiff oder die Laudatio des Vereinschefs nach dem Spiel. Florian Nagel kennt das Protokoll für den Sonntag noch nicht. Er weiß auch nicht, ob er spielen darf gegen Phönix Lübeck. „Ein Einsatz wäre mega cool“, sagt er. Seine Chancen sind auf jeden Fall gestiegen, denn sein Mittelfeld-Kollege Oliver Ioannou fällt für die Partie nach der fünften Gelben Karte gesperrt aus.

Freibier für die Zuschauer

In jedem Fall werde er ein paar Worte sagen. Und bei Freibier mit den Zuschauern hinterher noch ein wenig zusammensitzen und die Zeit Revue passieren lassen. So stellt sich Nagel sein letztes Regionalliga-Spiel im D/A-Trikot im Kehdinger Stadion vor.

Für D/A ist es am Sonntag das letzte Heimspiel des Jahres im Kehdinger Stadion. Danach ist die Mannschaft nur noch auswärts gefordert gegen Holstein Kiel II, FC St. Pauli II und Altona 93. Die Winterpause beginnt am 13. Dezember nach dem Altona-Spiel. Mit dem Heimspiel am 11. Februar 2022 gegen Weiche Flensburg und der Auswärtspartie beim VfB Lübeck am 18. Februar endet die Vorrunde der Nordstaffel der Regionalliga Nord.

Hinspiel endete mit Nullnummer

Stand heute qualifiziert sich D/A sicher für die Aufstiegsrunde der jeweils besten fünf Teams der Nord- und der Südstaffel. Ein Sieg gegen Phönix hätte vorentscheidenden Charakter. Der D/A-Gegner belegt den neunten und damit drittletzten Tabellenplatz. Das Hinspiel bei Phönix Lübeck endete 0:0. Die SV D/A lädt seine Dauerkarteninhaber am Sonntag zu Bier und Bratwurst ein.

(Quelle: Stader Tageblatt; Autor: Daniel Berlin; Foto: Elsen)