D/A-Präsident Gooßen über ein verlorenes Jahr

Dem Präsidenten des Regionalligisten SV Drochtersen/Assel, Rigo Gooßen, fehlt der Rummel. Die Zweikämpfe im Stadion, das Bierchen nach dem Spiel. Im TAGEBLATT-Interview erzählt er aus der tristen Zeit, schaut aber auch optimistisch in die Zukunft.

TAGEBLATT: Wie geht es einem Fußballverrückten wie Ihnen in dieser Zeit?

Rigo Gooßen: Mir fehlen einfach die Selbstverständlichkeiten. Fußball ist ja nicht nur der Sport, sondern auch ein Glas Bier trinken, reden, die Kumpels sehen, die einen sonst jeden Tag begleitet haben. Und das fehlt seit drei Monaten.

Wann haben Sie die Mannschaft das letzte Mal gesehen?

Nur sehr vereinzelt. Ich sehe Sören Behrmann ab und zu. Heute habe ich mit Marcel Andrijanic gesprochen. Aber alle auf einem Haufen habe ich das letzte Mal gesehen nach dem Sieg gegen Havelse im Niedersachsenpokal. Danach war Schluss.

Sind die Spieler alle noch in Kurzarbeit?

Ja. Wir haben Kurzarbeit angemeldet. Die versicherungspflichtigen Vertragsverhältnisse profitieren auch von der Kurzarbeit. Wir haben unsere Verträge dahingehend abgeändert, dass wir während dieses Lockdowns oder der Zeit, in der das Verbot besteht, Fußball zu spielen, nur noch bedingt Zahlungen leisten müssen. Das können wir ja auch gar nicht. Wir haben keine Einnahmen. Das ist für die Spieler ein gewaltiger Einschnitt. Aber keiner hat sich das ausgesucht.

Kratzt die derzeitige Situation an der Motivation der Spieler? Die treffen sich derzeit nur virtuell zum Training bei „Zoom“.

Im Moment ist man ja null motiviert. Alle sind unzufrieden. Jedem Sportler, jedem Fußballer fehlt das. Aber die Begeisterung bei den Trainingseinheiten ist schon groß. Das ist ja sehr löblich. Aber durch nichts ist der normale Fußballbetrieb zu ersetzen, bei dem du einen Ball am Fuß hast. Das hält die Spieler ein bisschen fit, ist aber nicht die Lösung. Trotzdem bin ich sehr froh, dass die Spieler dieses Angebot so annehmen.

D/A will in ein, zwei Wochen wieder auf den Platz, um zu trainieren, wenn das Gesundheitsamt mitspielt.

Ganz genau. Wir werden diesen Antrag stellen. Andere Vereine in Hamburg haben das durchgesetzt bekommen. Havelse in unserer Liga hat auch die Genehmigung und die zweiten Mannschaften von Bundesligisten ohnehin. Dafür ist ein Hygiene- und Gesundheitskonzept erforderlich, an das wir uns halten.

Januar, Februar sind ja in der Regel die Monate, in denen die Kaderplanung beginnt, Wechsel, Transfers und Vertragsverlängerungen getätigt werden oder Wintertrainingslager organisiert werden. Wie sieht es aktuell bei D/A aus? Die ganze Routine fällt ja weg.

Es ist ungewöhnlich. Eine komische Zeit. Alles das, was sonst wichtig ist, ist jetzt in den Hintergrund getreten. Das ist auch im Fußball so. Die Gespräche finden nicht statt. Keiner kann sich vorstellen, wann es wieder losgeht. Aber der erste Lockdown hat gezeigt: Wenn die Aussicht besteht, dass es wieder losgeht, normalisiert sich alles wieder sehr, sehr schnell.

Was bedeutet das konkret für die Kaderplanung?

Im Moment ist das noch kein Thema. Aber wir sind dafür bekannt, dass wir mit dem Großteil des Kaders auch weiter zusammenarbeiten wollen. Das wird auch in der neuen Saison so sein. Aber die Gespräche sind noch nicht geführt worden. Wenn ich ganz ehrlich bin, ist dies in den vergangenen Jahren auch nicht der Fall gewesen. Ich bin immer sehr spät dran gewesen. Die Spieler wissen das. Wir wollen mit den meisten weiter zusammenarbeiten und gleichwohl wird es auch immer Veränderungen geben. Das liegt in der Natur der Sache.

Konnte D/A aus dem ersten Lockdown lernen?

Alle haben die einzige Hoffnung, dass die Inzidenzwerte wieder fallen. Dann sind wir vorbereitet. Schon im vergangenen Jahr haben wir mit unseren Hygienekonzepten im Amateurbereich gute Arbeit geleistet. Das würden wir auch wieder tun. Außerdem hoffen wir, dass die Impfungen ihr Übriges dazu beitragen.

Wenn Sie die letzten Monate Revue passieren lassen: erster Lockdown, Saisonabbruch, neue Saison nach wenigen Spielen schon wieder unterbrochen, zweiter Lockdown. Ist es ein verlorenes Jahr?

Ja. Aber für viele gab es viel dramatischere Vorfälle als bei uns im Sport.

Wie könnte es denn jetzt weitergehen? Natürlich kommt das einem Blick in die Glaskugel gleich. Aber was favorisiert D/A für Szenarien?

Wir plädieren sehr dafür, dass die Hinserie beendet wird. Wir haben noch ein Nachholspiel gegen Altona 93. Danach sollte sich entscheiden, wer in der Aufstiegs- oder Abstiegsrunde landet. Dann würden wir die entsprechende Runde spielen wollen. Das wird nicht von allen Vereinen so gesehen. Insbesondere von denen, die vom Abstieg betroffen sein könnten. Die würden am liebsten annullieren. Aber dafür stehen wir auf keinen Fall.

Welchen Stellenwert hat der Amateurfußball in Deutschland?

Im Moment gibt es wichtigere Dinge als den Amateurfußball. Der hat keinen Stellenwert. Es werden Sonntagsreden gehalten. Die werde ich jetzt beim Verbandstag des Niedersächsischen Fußballverbandes auch wieder hören. Was sich da anbahnt, ist bedrohlich.

Man redet darüber, dass die Profivereine Millionen und Abermillionen verlieren. Dass der Amateursport überhaupt keine Einnahmen hat und darauf angewiesen ist, dass die Mitglieder weiter ihre Beiträge zahlen, obwohl sie keinen Sport treiben können, ist eine wichtige Randerscheinung. Und das wird nicht wahrgenommen. Das ist leider so.

Also, die Amateure wurden alleingelassen?

Die Frage ist eher, was die Politik und die Verbände machen, wenn es irgendwann wieder losgeht. Gibt es da irgendeine Unterstützung? Ich sehe das nicht. Aber es gibt natürlich auch viel zu helfen. Es werden Milliarden und Abermilliarden ausgegeben. Wir werden uns wahrscheinlich selbst helfen müssen. Davon bin ich überzeugt.

Was mit der Saison passiert, wissen wir nicht. Soll der Pokalwettbewerb auf jeden Fall noch gespielt werden?

Wir gehen fest davon aus, dass sich die Clubs für den DFB-Pokal qualifizieren können. Diese Spiele werden stattfinden. Das werden im Niedersachsenpokal für uns ja hoffentlich noch zwei. Das Halbfinale und das Endspiel. Das ist auch der Grund, warum wir wieder ins Training einsteigen wollen. Wir wollen auf diese Spiele vorbereitet sein, wenngleich wir noch nicht genau wissen, wann sie stattfinden. Das war ja das Positive aus dem Jahr 2020, dass wir uns qualifizieren konnten für das Halbfinale. Wer weiß, wie pokalhungrig wir sind, der weiß auch, dass die Mannschaft das im Hinterkopf hat und ihre Motivation sehr schnell wiederfinden wird.

D/A gilt als ein Verein, bei dem Vereinsleben einen großen Stellenwert hat. Das sieht man ja an der Blau-Roten Nacht, bei der alle zusammenkommen. Die ist ausgefallen. Wie bitter ist das?

Nach 44 Jahren ist sie jetzt das erste Mal ausgefallen. Nicht einmal Schneekatastrophen hatten uns früher davon abgehalten, die Blau-Rote Nacht zu feiern. Das ist schon ungewohnt. Wir denken aber darüber nach, wenn es mit dem Impfen klappt, sie im Sommer im Freien nachzuholen. Wir haben ja nicht einmal den Fußballer des Jahres gewählt. Auch das hat es noch nie gegeben.

Strahlt die aktuelle Situation in die Mannschaften aus, bis in die sechste Herren, zu den Frauen, in die Jugend? Wie ist da die Stimmung?

Alle versuchen, mit den modernen Mitteln etwas zu machen. Aber natürlich ist das alles frustrierend im Moment. Große Sorgen mache ich mir um die Jugendfußballer. Ich hoffe sehr, dass sie das Trainingsangebot sogleich wieder annehmen, wenn wir wieder durchstarten dürfen und nicht an der Konsole enden.

Ihre Reden sind berühmt, berüchtigt. Wenn das Regionalligateam in ein, zwei Wochen wieder trainieren dürfte, was würden Sie den Spielern dann als erstes sagen?

Ich würde sagen, ich hoffe, es hat nicht wehgetan. Wir werfen den Blick nicht zurück, sondern nach vorne. Wir müssen den Optimismus beibehalten. Ich glaube, es wird besser, auch wenn noch das Impfchaos herrscht. Aber auf bessere Zeiten müssen wir uns freuen, um zum Alltäglichen zurückzukommen. Wir wollen wieder zurück ins Stadion und auf den Fußballplatz. Ein erneuter Auftritt von uns im DFB-Pokal wäre beste Werbung für die Jugendlichen und könnte sehr zur Motivation der Jugendfußballer beitragen.

Quelle: Stader Tageblatt