D/A-Edelfan Egon Possel sehnt den Fußball herbei

DROCHTERSEN. Als Egon Possel (72) am 7. März nach dem 1:0-Sieg des Fußball-Regionalligisten SV Drochtersen/Assel gegen Holstein Kiel II die Pressetribüne des Kehdinger Stadions aufräumte, ahnte er noch nicht, dass die Partie die vorerst letzte des Jahres gewesen war.

Der Platz im Bus zur nächsten Auswärtsfahrt nach Wolfsburg war längst gebucht. Aber Corona ließ plötzlich keinen Fußball mehr zu. Mittlerweile fielen sechs Spiele der Krise zum Opfer. Und D/A-Edelfan Egon Possel sehnt das Ende der fußballfreien Zeit entgegen.

Die Tage verlaufen derzeit eintönig. Possel ist Rentner. Der gelernte Bäcker hat nie selbst Fußball gespielt. Possel war bei der Bundeswehr und danach 33 Jahre lang Anlagenfahrer bei der Stader Saline. Seit er elf Jahre alt ist, sammelt er jeden Zeitungsausschnitt über den Fußball. Er heftet alles ab, was mit der SV Drochtersen/Assel zu tun hat. Liest Fachzeitschriften, kennt jeden Spielernamen, jeden vereinsinternen Fußballer des Jahres, jeden Torschützenkönig, jeden Trainer. Der Mann gilt im Verein als wandelndes Lexikon.

Privatarchiv mit Nachrichten aus sechs Jahrzehnten

Wer etwas aus der Historie wissen will, bedient sich bei Egon Possel. Journalisten, Vereinsvertreter, Spieler, die anderen Spielern zum Geburtstag etwas Besonderes schenken wollen. Der 72-Jährige gibt nur noch Kopien raus, weil einige vergessen haben, die historischen Schätze und die längst vergilbten Schnipsel aus der Tagespresse wieder zurückzugeben.

In der fußballfreien Zeit hat Possel wenigstens seinen Dachboden, auf dem sich diese Schätze stapeln. Er ist derzeit oft in seinem Privatarchiv und sortiert die Nachrichten aus sechs Jahrzehnten. 25 Ordner sind mittlerweile zusammengekommen. Bilder hängen an der Wand, Schals und Wimpel. „In diesem Jahr kommt die Statistik durcheinander“, sagt Possel. 2022 feiert die Spielvereinigung ihr 45-jähriges Bestehen. Possel will über die Geschichte ein Buch schreiben, oder schreiben lassen.

Regionalliga sei das Stiefkind im Fußball

Possel redet nicht viel. Aber er hat eine Meinung, wenn man fragt. Der Sportbetrieb wegen Corona eingestellt? „Das muss wohl so.“ Die Saison lieber ganz abbrechen? „Ja und im September wieder anfangen.“ Er regt sich auf, dass sich keine Sportsendung für die Regionalliga interessiert. Sie sei das Stiefkind im Fußball. Die ewigen Sondersendungen gehen ihm auf den Geist. „Man weiß schon gar nicht mehr, wem man glauben soll“, sagt Possel. Der 72-Jährige agierte bis 1986 als Betreuer der ersten Mannschaft und arbeitete lange im Vorstand des Vereins mit. Heute stiftet er bei Heimspielen die Preise für die Spieler des Tages. Ein paar Euro in einem Umschlag.

Am 2. Mai wäre das Auswärtsspiel bei Werder Bremen II gewesen. „Da haben sie uns letztes Mal gut aufgenommen“, sagt Possel. Der Edelfan mag es, wenn die anderen Vereine den Drochtersern mit Respekt begegnen. Possel hätte wieder im Bus gesessen mit ein paar Kumpels. Ehrensache. Der Mann hat in den vergangenen Jahren kaum ein Spiel verpasst und steht abends in der Woche bei den meisten Trainingseinheiten im Kehdinger Stadion am Rand des Übungsplatzes.

Telefonate mit Gleichgesinnten

Und während der Corona-Auszeit? Possel steht nicht zu spät auf. Er liest das TAGEBLATT, schaut, was es online für Nachrichten über den Fußball gibt, macht sein Haus sauber, geht eine Stunde in den Garten. „Nicht mehr, sonst habe ich am nächsten Tag nichts mehr zu tun“, sagt er. Possel telefoniert mit Gleichgesinnten, die sonst neben ihm auf der Tribüne stehen und tauscht sich über Aktuelles aus, über Wechsel und Neuzugänge. Er hat sich im Ort ein E-Bike gekauft. Er steigt auf seinen Dachboden und heftet die losen Artikel ab. Den von heute hat er sich längst ausgeschnitten.

Quelle: Stader Tageblatt