Die Kehdinger Provinz erdet den Ex-Profi Ashton Götz

DROCHTERSEN. Ashton Götz trägt seine Sporttasche selbst in die Kabine. Muss er auch, wenn er beim Regionalligisten SV D/A Fußball spielen will. Die Bedingungen in Drochtersen erden den Ex-Profi, der bereits einmal gegen den Drochterser Pokalgegner, Schalke, auf dem Platz stand.

Eigentlich steht der Drochterser Kader. Auf dem offiziellen Mannschaftsfoto posieren 28 Spieler, drei Langzeitverletzte noch nicht einmal eingerechnet. Dennoch sagt D/A nicht nein, als mit dem Angebot eines Spielerberaters Neuzugang Nummer zehn ins Haus flattert. Ashton Götz, 26 Jahre alt, rechter Verteidiger, Profi-Vergangenheit, beim HSV unter Markus Gisdol einst suspendiert, niederländische Eredivisie, nach einer hartnäckigen Verletzung zuletzt vereinslos. Götz will sich der Fußballwelt wieder zeigen, sich auf die Zettel der Profi-Scouts spielen. Er will zurück in den richtig bezahlten Fußball. D/A gibt Götz die Möglichkeit. Eine „Win-win-Situation“ nennt das Vereinspräsident Rigo Gooßen.

Erfahrener Fußballer für D/A

D/A bekommt für ein paar Wochen, für die Zeit bis Weihnachten oder die ganze Saison einen erfahrenen Fußballer, der richtig gut kicken kann. Götz darf wechseln, wenn ein höherklassiger Verein Interesse bekundet. Neben der fußballerischen Qualität gilt die Charakterstärke in Drochtersen als Einstellungsvoraussetzung. „Ashton hat keine Allüren. Er trägt seine Tasche selbst. Ein guter Mann“, sagt Rigo Gooßen. Auch deshalb stehen jetzt die Unterschriften unter dem Vertrag. Götz soll bei D/A aber trotz seiner Vergangenheit nicht der Bestverdiener sein. Nach den ersten drei Saisonspielen gegen Hannover 96 II, den TSV Havelse und den SSV Jeddeloh hinterlässt Götz bleibenden Eindruck. Seine Ruhe am Ball, seine Übersicht, seine Sprints mit Ball, sein Tor zum 3:1-Endstand gegen den SSV Jeddeloh.

„Die Bedingungen in Drochtersen sind einfach anders“, sagt Ashton Götz. Vielleicht stimme der Begriff Kulturschock sogar. „Ich bin auf jeden Fall geerdeter“, sagt Götz. Als bodenständigem Typen käme ihm diese Ursprünglichkeit durchaus entgegen. Götz sagt, er nehme es, wie es kommt. Vom Profidasein in die Kehdinger Provinz zum selbst ernannten „Dorfverein mit Herz“, bei dem Feierabendfußballer ihr Bestes geben? „Das macht keinen Unterschied. Ich spiele auch immer mit Herzblut“, sagt Götz.

Elf Spiele in der Bundesliga

Ashton Götz lief elfmal für den Hamburger SV in der Bundesliga auf, 70-mal für die U 23 des HSV in der Regionalliga Nord. Neun Spiele bestritt er für Roda Kerkrade in den Niederlanden. Ein DFB-Pokalspiel steht in seiner Vita. Das war mit der Raute auf der Brust im Oktober 2014 bei der 1:3-Niederlage gegen Bayern München. Die Zeit beim HSV endete für Götz im Mai 2017 mit einer Suspendierung für die letzten drei Spiele der Saison.

„Ich weiß bis heute nicht, was los war“, sagt Götz. Trainer Markus Gisdol habe nicht mit ihm gesprochen. Ex-Sportchef Jens Todt wurde damals mit dem Satz zitiert: „Wir müssen in dieser entscheidenden Phase alles unserer Mission unterordnen. Deshalb haben wir entschieden, unsere Kräfte noch einmal zu bündeln und unsere Trainingsgruppe für den Saison-Endspurt zu verkleinern.“ Götz‘ Berater sprachen von „diskreditieren“ und „demütigen“. Der HSV beendete die Saison auf Tabellenplatz 14.

Nun also Drochtersen

Nun also Drochtersen. „Ich komme gut klar mit dem Team“, sagt Götz. Die Mannschaft habe es ihm leicht gemacht, in so kurzer Zeit hineinzuwachsen. „Mit der Spielphilosophie des Trainers kann ich mich anfreunden“, sagt Götz. Lars Uder verlange von ihm, dass er sich gut präsentiere und für das Team spiele. Ashton Götz soll Ruhe ins Spiel bringen, wenn es mal hitzig wird. Unaufgeregt verrichtet der 26-Jährige seinen Job. Er sei noch nicht bei seiner hundertprozentigen Leistungsfähigkeit. Noch mehr Spielpraxis soll für Kraft und Ausdauer sorgen. Dabei ist er seinen Gegnern in den drei Regionalligaspielen schon häufiger weggelaufen. Mit Ball am Fuß war er schneller, als sie ohne.

Gegen den FC Schalke 04, den Drochterser DFB-Pokalgegner am Sonnabend, hat Ashton Götz bereits gespielt. Auf Schalke. Vor 60 000 Zuschauern unter Flutlicht. 90 Minuten lang machte er die rechte Seite dicht beim 0:0-Remis. Sein direkter Gegner hieß damals Jean-Eric Maxim Choupo-Moting. „Der war ein harter Brocken“, sagt Götz. Vom damaligen Schalker Kader ist heute nicht mehr viel übrig.

„Natürlich bin ich aufgeregt“

Große Kulissen ist Ashton Götz gewöhnt. Er sieht sie kaum. Höchstens mal in einer längeren Spielunterbrechung. Er sagt, er sei fokussiert und wie in einem Tunnel. Ob jetzt 8022 Menschen im Stadion sind, wie am Sonnabend gegen Schalke 04, oder fast das Zehnfache an frenetischen Fans. Der Mann hat die Ruhe weg. Jedenfalls augenscheinlich. „Natürlich bin ich aufgeregt. Nur man sieht es mir nicht an. Auch ich habe erhöhten Puls“, sagt Götz. Chancenlos sei seine Mannschaft auf keinen Fall gegen den Bundesligisten. „Jeder ist schlagbar“, sagt Götz.

Ashton Götz freut sich auf das Spiel. Und er wird an diesem Sonnabend wie all seine Kollegen seine Tasche selbst ins ausverkaufte Kehdinger Stadion schleppen. Nur fürs Tragen der Wasserkisten ist er zu alt. Diesen Job übernehmen bei D/A traditionell die jungen Wilden.

Quelle: Stader Tageblatt