Behrmann: Der „Capitano“ mit dem besonderen D/A-Gen

DROCHTERSEN. Sören Behrmann (29) bleibt Kapitän des Fußball-Regionalligisten SV Drochtersen/Assel. Er bekam den Posten einst, weil er das D/A-Gen in sich trägt. Bis zum Ende seiner Karriere hat der Innenverteidiger noch einiges vor.

Sören Behrmann ruft Kommandos. Permanent dirigiert er aus der Zentrale der Abwehrkette des Fußball-Regionalligisten SV Drochtersen/Assel seine Kollegen vor und neben sich. Er ist Führungskraft, wenn er auf dem Platz steht und wenn er nicht spielt. Er ist der Kapitän, auch in der nächsten Saison. Er lebt und liebt D/A. Schon sein ganzes Leben. Mit jetzt 29 Jahren denkt er jetzt schon über die Zeit nach seiner aktiven Karriere nach.

Sonnabend, Skærbæk in Dänemark, Trainingslager. Im Speiseraum des Freizeitzentrums gab es gerade Pute mit Kartoffeln, Wraps und Nudelsalat mit Rosinen und Erdnüssen. Mittagspause zwischen zwei zweistündigen Trainingseinheiten. Behrmann sitzt in T-Shirt, Shorts und Flip-Flops beim Interview auf der großen Wiese vor den Ferienhäusern auf einem Gartenstuhl. Die Kollegen schauen aus der Ferne zu.

Wie lange ist er eigentlich schon Kapitän der ersten Mannschaft? Behrmann überlegt laut. Vier, fünf Jahre? Es sind sieben. Die Zeit vergeht so schnell. In der kurzen Trainer-Ära von Norbert Riedel hat Vereinspräsident Rigo Gooßen den damals 22-Jährigen installiert. Der Chef wollte einen Jungen aus dem Dorf, einen der sich hundertprozentig mit D/A identifiziert.
Trikot von Hummels erhält Ehrenplatz

Natürlich schlief Sören Behrmann als kleiner Junge in der Bettwäsche des FC Bayern München. Das Pokalspiel im vergangenen Jahr ist mehr als nur eine Fußnote in seiner Vita als Leistungssportler. Das Trikot von Mats Hummels erhielt einen Ehrenplatz. Sein Profilbild bei WhatsApp zeigt Behrmann noch immer mit einem der weltbesten Innenverteidiger. Ein Schnappschuss nach dem 0:1 gegen den Rekordmeister. Stolz und glücklich wie ein kleines Kind steht Behrmann da.

Aber der 29-Jährige gilt, seit er kicken kann, auch als Fan seines Heimatvereins. Seine Eltern sind Institutionen im Dorf. Sein Bruder Lars arbeitet im Management des Vereins. Wenn Behrmann nicht selbst in der ersten spielt, steht er bei den Begegnungen der zweiten, dritten und vierten Mannschaft am Spielfeldrand. Er ist einer von ihnen.

Behrmann wird im nächsten Jahr 30 Jahre alt. „D/A gehört zu meinem Leben“, sagt Behrmann. Manchmal sei er vielleicht ein wenig zu verrückt und müsste sich die eine oder andere Pause gönnen. Gerade jetzt, wo D/A so viele neue Spieler verpflichtet hat, ist Behrmanns Mentalität gefragt. Er will das Gen des Vereins an die jungen Spieler weitergeben. Damit sie auch zu Mentalitätsbestien werden. Ein Begriff, den Ex-Trainer Enrico Maaßen einmal geprägt hatte. Behrmann lebt ihnen vor, dass die Mannschaft über allem stehe. Seine Mitspieler Oliver Ioannou und Marcel Andrijanic, sagt Behrmann, habe er längst mit dem D/A-Gen infiziert. Behrmann möchte junge Spieler fördern. „Die werden immer besser“, sagt er. Vor allem sein Kollege auf der Position des Innenverteidigers, Liam Giwah, liege ihm am Herzen.
„Ich bin ein anderer Mensch auf dem Platz“

Fokussiert sein, diszipliniert arbeiten, sich weiter Gas gebend hinten anstellen, wenn sich der Trainer vor einem Spiel mal gegen einen entscheidet, weil andere besser sind. Und bei Rückständen bis zum Schlusspfiff verbal und kämpferisch den Oliver Kahn mimen: „Weiter, immer weiter.“ Das alles gehört zu diesem speziellen Gen. D/A drehte schon einige Spiele in den Schlussminuten. Behrmanns Mimik ändert sich in solchen Phasen des Spiels sekündlich. Dem möchte man in der Dämmerung nicht allein auf einer abgelegenen Straße begegnen. „Ich bin ein anderer Mensch auf dem Platz. Ich schalte alles andere aus“, sagt er. Sonst gibt er eher den Ruhigen, fast schon Sanften.

Auch Behrmann schaute einst auf zu seinen Vorbildern. Alexander „Sascha“ Martens, Benjamin Zielke waren seine Vorgänger als Führungsspieler bei D/A. Besonders liegt Behrmann am Herzen, dass an dieser Stelle der Name Thomas Johrden steht. Einer der besten Innenverteidiger, die D/A je hatte. Mentor und längst Freund von Behrmann. Johrden arbeitet heute als Co-Trainer der U 19 des HSV.

Nur drei Jahre seiner Karriere spielte Behrmann nicht für D/A. Die Eintracht aus Braunschweig wollte den talentierten Jugendlichen für die Jugend-Bundesliga haben. „Weit weg von zu Hause bin ich gereift“, sagt Behrmann. Einer wie Behrmann kann nicht einfach den Verein verlassen, seine Wurzeln. Alles ist zu verwoben. Behrmann ist das Gesicht von D/A. Sein Arbeitgeber aus Stade kommt zu großen Spielen fast mit kompletter Belegschaft in Behrmann-Trikots ins Kehdinger Stadion. Familie, Freunde, Vereinsleben. Diese Dinge sind Behrmann wichtig. Obwohl er mittlerweile in Stade wohnt, fährt er doch fast täglich nach Drochtersen oder zu seinem Bruder nach Krautsand. „Ein Wechsel kam nie in Frage.“
Verletzungspech bremst Behrmann aus

Behrmann lernte in Braunschweig viel und schaffte den noch größeren Sprung letztendlich doch nicht. Immer wieder bremsten ihn Verletzungen aus. Die vorerst letzte längere Leidenszeit begann am 11. November 2017. Das Datum weiß Behrmann noch genau, weil es für ihn ein besonderes Spiel war. Auswärts in Braunschweig eben. Er riss sich das Syndesmoseband. „Keiner hat an mein Comeback geglaubt“, sagt Behrmann. Außer er natürlich, meistens. „Ich wollte mich zurückkämpfen“, sagt Behrmann. Die vielen Rückschläge haben ihn gelehrt, auf seinen Körper zu hören und zu achten. Und er kämpfte sich zurück. Uder-Vorgänger Maaßen gab ihm damals das Vertrauen.

Behrmann weiß, dass das Karriereende näher kommt. Auf diesem Niveau könne er noch vier, fünf Jahre spielen. „Ich kann einschätzen, wann ich aufhören muss“, sagt er, ohne sich festzulegen. Der 29-Jährige hält sich für die Zeit nach der aktiven Karriere viele fußballerische Optionen offen. Er legte die B-Trainerlizenz ab und arbeitet weiter an der „B-Lizenz-Elite“. Auch Co-Trainer- oder Managementaufgaben könne er sich vorstellen. So sehr unterscheidet sich das gar nicht von den Dingen, die Behrmann heute schon im Hintergrund tut. Feiern organisieren, den alljährlichen Kiez-Trip ausarbeiten, Mallorca managen, Mannschaftsrat, ständige Gespräche mit Trainer Lars Uder, weil er eben auf und neben dem Platz der verlängerte Arm des Trainers ist.

Sie werden ihn anrufen, die Journalisten, die im Vorfeld des Pokalspiels gegen Schalke 04 die Seele des Dorfvereins mit Worten oder bewegten Bildern ergründen wollen. Behrmann wird es ihnen erklären. Er kann es am besten. Vielleicht erzählt er den Reportern auch, dass Schalke sich in acht nehmen soll und die zweite Runde für den absoluten Favoriten noch längst nicht gebucht ist. Oder er erinnert an die erste Halbzeit des Bayern-Spiels, als es noch 0:0 stand. Behrmann verbot seinen Kollegen, sich zur Pause ein Trikot der Stars zu holen. Sie sollten keine Schwäche zeigen.

Quelle: Stader Tageblatt