Fußball05.05.2019, 12:02Ein Leben zwischen Schule und Fußballplatz


Um 21.55 Uhr schließt Lars Uder die Kabinentür ab. Der Trainer des Fußball-Regionalligisten SV Drochtersen/Assel verlässt als Letzter das Gelände des Stadions. Der Tag des Realschullehrers, Trainers und Familienvaters ist genau durchgetaktet.

Die Töchter Nele (6) und Jule (3) essen schon Müsli mit Cornflakes, Joghurt und Milch, als Lars Uder kurz vor acht Uhr mit Schlaf in den Augen die Treppe herunterkommt. Auf dem Tisch steht frisches Obst. Sarah Uder (36) kocht Kaffee. Die Maschine spuckt das heiße Gemisch aus. Nur leider fehlt die Tasse unter dem Vollautomaten. Der Kaffee läuft in den Überlaufbehälter. Das erste Malheur des Tages nehmen die Uders mit einem Lächeln.

Das Schulzentrum von Otterndorf ist nur wenige hundert Meter entfernt. Lars Uder nimmt das Auto und parkt auf dem Lehrerparkplatz, heute ausnahmsweise. Die Hauptschule, die Realschule und das Gymnasium sind auf dem Gelände untergebracht. 1250 Kinder und Jugendliche gehen dort zur Schule. Vor fast drei Jahren nahm Uder die Stelle an. Er gibt mit reduzierter Stundenzahl Geschichte, Mathematik und Sport. „Damals gab es viele Stellen in Niedersachsen“, sagt Uder. Der Landstrich sei traumhaft. Andere verbringen dort ihren Urlaub. Junggesellen möchten hier nicht tot über dem Zaun hängen, hat ihm ein Bekannter gesagt. Aber für Familien sei die Gegend ein Paradies. „Außerdem herrscht im Kollegium eine lockere und ehrliche Atmosphäre“, sagt Uder.

„Meine Lieblingsklasse 7 c, erhebt euch bitte zum Begrüßen“, fordert Uder seine Schüler in der ersten Stunde auf. Uder sagt immer bitte, wenn er seinen Schülern eine Order gibt. So handhabt er das auch am Abend, wenn er die großen Kinder im Kehdinger Stadion trainiert. „Guten Tag, Herr Uder.“ 21 Kinder wiederholen die Dezimalzahlen aus der Vorwoche. Vier Aufgaben hat Uder an die Tafel geschrieben, an der letzten beißen sich einige die Zähne aus. 2,556:3 ist für manchen Erwachsenen eine Herausforderung. „Wer fertig ist, darf sich bewegen“, sagt Uder. Die Schüler gehen herum und helfen den anderen beim Finden der Lösung. Gemeinsames Lernen versteht Uder wie Mannschaftssport.

Nele unterstützt ihren Vater bei der Vorbereitung.

Konrektor Rainer Uhtes hat einst vorausgesagt, dass Lars Uder einmal Trainer werden wird in Drochtersen. „Ich habe seine Qualitäten gesehen und sein Leuchten in den Augen“, sagt Uhtes, selbst Vater eines Fußballers. Uhtes kam vor Jahren mit D/A ins Gespräch, als es um die sportliche Karriere seines Sohnes ging. Eine Saison kickte sein Sohn in der Jugend bei D/A, später bei Güldenstern Stade, jetzt in Hannover. „Lars ist ein Top-Lehrer. Ich wollte ihn unbedingt haben“, sagt Uhtes. An seiner Pinnwand hinter dem Schreibtisch hängt ein rot-blauer D/A-Wimpel. Als Uder schließlich Trainer in Drochtersen wurde und im vergangenen Sommer Enrico Maaßen ablöste, stimmte die Landesschulbehörde einer reduzierten Stelle zu. Dass Uder auch noch erfolgreich ist bei D/A, hängt er in der Schule nicht an die große Glocke. Nur im Lehrerzimmer gibt es an diesem Dienstag ein paar liebevolle Spitzen auf die Ohren. „Oh, der Startrainer.“

„Moin, meine Lieblingsklasse 8 b.“ Die Zeitreise im Geschichtsunterricht führt Uder und die 15-Jährigen in der dritten Stunde in das Mutterland der Industrialisierung nach England. Die 8 b steuert thematisch langsam auf den Ersten Weltkrieg zu. „Für eine achte Klasse seid ihr richtig gut“, sagt Uder. „Solche Komplimente haben wir noch nie bekommen“, erwidert eine Schülerin. „So, haut ab! Wir sehen uns“, verabschiedet Uder die Klasse.

Seine Karriere als Fußballtrainer half Uder später als Lehrer. Das Auftreten vor einer Gruppe war er gewohnt. Irgendwann hörte auch das mulmige Gefühl auf, wenn er das erste Mal vor einer neuen Klasse stand. „Das kostet heute keine Überwindung mehr“, sagt Uder. Zieltransparenz lautet das Stichwort. Eine Schulklasse bereitet Uder mit einem ganzen Baukasten an didaktischen und pädagogischen Mitteln auf Prüfungen vor, auch aufs Leben. Eine Fußballmannschaft mit seinem taktischen Wissen und Trainingssteuerung auf Spiele und ganze Saisons. Seinen Kader bei D/A stellt er sich im Grunde selbst zusammen und achtet darauf, dass zwischenmenschlich die Chemie stimmt.

„Ich mag schwierige Schüler. Ich mag die Herausforderung“

Bei Schulklassen hat er keinen solchen Einfluss. „Ich mag schwierige Schüler. Ich mag die Herausforderung“, sagt Uder. Schüler testen ihn und testen ihre eigenen Grenzen aus. Wer im Sport überreizt, sitzt am Ende vielleicht auf der Bank. In der Schule ist Uder Lehrer, nicht Kumpel. Das zeigt Uder aber tatsächlich nur den Schülern, die keine Distanz wahren und etwas zu viel testen. Er hilft ihnen, angemessen zu kommunizieren und holt sie runter, wenn sie überdrehen. Auf dem Fußballplatz ist Uder eine Mischung aus beidem. Trainer und Kumpel. „Manche Schüler muss ich ein bisschen didaktisch manipulieren, um ihnen Kompetenzen zu vermitteln, manche Fußballer informieren, um ihre Kompetenzen zielführend einzusetzen“, sagt Uder.

Am frühen Nachmittag ist die Schule aus. Lars Uder holt Nele und Jule aus dem Kindergarten ab. Uder kocht daheim Pasta. Die Kleinen bekommen Besuch aus der Nachbarschaft. Das Wohnzimmer wird zum Spielplatz. Es poltert, als die Mädchen über Hürden springen und so tun, als wären sie Reiterinnen auf einem Pony. Noch bevor sich Lars Uder an den Rechner setzen kann, verlangt die dreijährige Jule, dass er sein Versprechen einlöst und mit ihr ein paar Runden um den Block Fahrrad fährt. Sie kann das seit Ostern und strahlt dabei über das ganze Gesicht. „Legt eine kleine Trinkpause ein in der Halbzeit“, sagt Uder zu den Mädchen.

Mit Tochter Jule fährt Uder einmal um den Block.

Lars und Sarah Uder haben sich 2003 kennengelernt und sind zwei Jahre später ein Paar geworden. Während des Studiums in Saarbrücken. Schon damals gab es die Mehrfachbelastung. Lehramtsstudium, parallel eine Stellung als Lehrer, Sport. Uder bildete Fußballer in Trier aus und schließlich Fußballer in Luxemburg. Seine aktive Karriere als Fußballer brach er nach Verletzungsorgien ab. Noch heute spürt er das lädierte Sprunggelenk.

Uder geht ins Arbeitszimmer. Er führt Telefonate. Täglich erhält er von Spielerberatern und Spielern selbst zwei bis drei Angebote. Einige schicken Videos. „Im Torjubel sind einige ganz groß“, sagt Uder. Der D/A-Trainer schaltet den Rechner ein. Über ein Scoutingportal stellt er die Höhepunkte der drei letzten Spiele des nächsten Gegners zusammen. Kritisch beäugt er die Abwehrarbeit des SC Weiche Flensburg gegen den HSV. „Ich filtere die Informationen für die Jungs“, sagt Uder. Flensburg ist nächster Auswärtsgegner für Drochtersen. Beide Vereine streiten sich noch um Platz vier. Kurz bevor Uder zum Spiel aufbricht, wird ihm seine Tochter Nele „einen bunten Diamanten“ in die Hand drücken. Die Steine bringen Glück in der Hosentasche des Trainers.

Unterm Dach gibt es Taktisches, in der Küche riecht es nach Waffeln und Kräutertee. Sarah Uder kümmert sich um die Kinder. Sie haben sich einen Parcours im Garten aufgebaut und sitzen in ihrer Fantasie immer noch im Sattel. Jule erzählt Witze über ein Häschen beim Bäcker und lacht. Lars Uder packt seine Sporttasche. Die Kinder drücken ihn. Er muss zum Training.

Konzentrierter Blick auf dem Platz.

Lars Uder könnte nach Erfolgen in dieser Saison mit seinem Vorgänger Enrico Maaßen gleichziehen. Mit Platz vier hätte Uder die Platzierung des ersten Regionalligajahres eingestellt. Der Pokalsieg ist machbar. Nur Meppen steht am 22. Mai noch im Weg. Bis dahin arbeitet Uder konzentriert und hält die Spannung hoch.

Die Mannschaft trudelt ein. Alle begrüßen sich per Handschlag. Uder und Co-Trainer Markus Zimmermann verteilen die Hütchen für die ersten Übungen auf dem Rasenplatz. Die jungen Spieler holen kleine Tore. Handlungsschnelligkeit und Spielintelligenz stehen heute auf dem Programm. Uder spielt mit seiner Stimme. Mal leise, mal laut, mal brüllend ob der weiten Entfernungen, meistens sachlich, manchmal emotional. Ähnlich wie in der Schule, nur dass er dort nicht brüllen muss. Uder besitzt diese natürliche Autorität. Er sagt deutlich und unmissverständlich, was er sagen will. Die Fassung verliert er nie. Nur Egoismus bringt ihn auf die Palme.

Querulanten kann er nicht gebrauchen

Letzter Ball“, ruft Uder in die Runde. Das Training ist beendet. Fast flüsternd spricht er seinen Jungs im Kreis stehend ein Lob aus für die vergangenen zwei Stunden. Während die meisten zum Duschen gehen, debattiert Uder mit dem Co-Trainer und dem Mannschaftsrat über die Testspieler, die dabei waren, ob sie spielerisch mithalten können und menschlich ins Raster passen. Einen Querulanten kann Uder nicht gebrauchen. D/A gewinnt viele Spiele mit seiner Mentalität.

Uder rauscht zurück durch die Dunkelheit des Kehdinger und Hadelner Landes. Um 22.38 Uhr brennt in seinem Haus in Otterndorf kein Licht mehr. Alles schläft. Er sagt, er wolle noch an den Computer. So bis eins. Es gibt noch so viel zu analysieren. Standards, Spielaufbau, Verhalten gegen den Ball, Umschalten. Der Familienmensch und Lehrer ist auch Wissenschaftler. Fußballwissenschaftler.

Quelle: Stader Tageblatt