Fabian Klinkmann: Wenn ein Torwart zum Pokal-Helden wird

DROCHTERSEN. Jan-Ove Edeling verwandelt den entscheidenden Elfmeter und jubelt mit einer Handvoll Mitspieler. Das Gros des Teams sprintet zu Torwart Fabian Klinkmann, dem Helden des für die SV Drochtersen/Assel erfolgreichen Pokal-Viertelfinals gegen Braunschweig.

D/A ringt vor 1770 Zuschauern im Kehdinger Stadion als Regionalligist die eine Klasse höher spielende Eintracht aus Braunschweig mit 5:4 nach Elfmeterschießen nieder. Drochtersen schießt den zuletzt aus der zweiten Liga abgestiegenen Traditionsclub, das Gründungsmitglied der Bundesliga, den Meister von 1967 immer tiefer in die Krise. Aber die Historie und die Tatsache, dass es für Braunschweigs Trainer Henrik Pedersen das vorerst letzte Spiel gewesen sein könnte, interessiert die Drochterser allenfalls am Rande. Sie stehen im Halbfinale des Landespokals und haben einen neuen Helden. „Schöner hätte ich mir diesen Tag nicht malen können“, sagt Fabian Klinkmann, 21 Jahre alt, 1,88 Meter groß, nach seinem ersten Pflichtspieleinsatz für die SV Drochtersen/Assel.

D/A-Trainer Lars Uder hatte dem Neuzugang vom VfB Oldenburg gegen Braunschweig den Vorzug vor der etatmäßigen Nummer 1, Patrick Siefkes, gegeben. Weil Klinkmann im Training immer Vollgas gebe und weil er mit seinen Abschlägen und Abwürfen Konter einleiten könne. „Wie ferngesteuert“, sagt der Coach. Klinkmann habe D/A gegen Braunschweig im Spiel gehalten. Aber weniger mit seiner Spieleröffnung, als vielmehr mit seinen Reflexen auf der Linie.

Klinkmanns Augen strahlen nach dem Abpfiff. Seine weiße Hose und das weiße Trikot starren vor Dreck. Er deutet auf das rechte Schienbein, mit dem er im Elfmeterschießen den Ball von Braunschweigs erstem Schützen, Mergim Fejzullahu, entschärfte. Danach entscheidet sich der Torwart immer für die falsche Ecke. Aber seine Kollegen treffen. Nico Mau, Jasper Gooßen, Marcel Andrijanic, Till Hermandung und eben Edeling. Sie prügeln den Ball mit Wucht ins Netz und lassen Braunschweigs Lukas Kruse kaum eine Chance. „Wir haben keine Nervosität gezeigt vom Punkt“, sagt Nico Mau. D/A hatte Elfmeter noch geübt im Training. Aber eher aus Jux. Die Spieler schossen mit dem schwächeren Fuß oder drehten sich vorher um die eigene Achse schwindlig.

Starke Reflexe

Neben der vorentscheidenden Parade im Elfmeterschießen zeigt Klinkmann vor allem in der zweiten Halbzeit starke Reflexe. In einer Zeit, in der Braunschweig drückt und das Spiel bestimmt. In der 51. Minute versucht sich Felix Burmeister aus 15 Metern. Klinkmann springt hoch, reißt den Arm hoch und lenkt den Ball zur Ecke. Den Kopfball von Philipp Hofmann hält der Debütant acht Minuten später sensationell. Neun Minuten vor Schluss macht Klinkmann bei einem Schuss von Onur Bulut die kurze Ecke blitzschnell dicht. Einmal ist Klinkmann geschlagen. Aber nach einer Stunde wirft sich Nico Mau im Stile eines Torwarts auf der Linie in den Schuss von Hofmann. Klinkmann spielt fehlerfrei, auf der Linie, aber auch bei hohen Bällen im Strafraum. Der Mann strahlt Ruhe und Sicherheit aus.

„Es ist mein Job, Bälle zu halten“, sagt Klinkmann, der schon lange vor der Saison angekündigt hatte, nicht als Nummer 2 nach Drochtersen gewechselt zu sein. Jetzt hat der 21-Jährige auch unter Wettkampfbedingungen gezeigt, dass er eine echte Konkurrenz für Patrick Siefkes ist. „Ich weiß nicht, wie der Trainer weiterplant“, sagt Klinkmann. Am kommenden Sonntag geht es in der Regionalliga beim Lüneburger SK Hansa weiter. Es sei eine tolle Situation, zwei Top-Torhüter im Kader zu haben. „Beide befruchten sich im Training“, sagt Lars Uder zunächst diplomatisch, um dann nachzuschieben, dass Klinkmann eine Zukunft in Drochtersen haben werde.

In der ersten Halbzeit muss der Pokalheld gegen Braunschweig dagegen nur einmal eingreifen. Und das bei einem harmlosen Schuss von Felix Burmeister aus 25 Metern. Braunschweig agiert wie ein angeschlagener Boxer, der orientierungslos durch den Ring taumelt. Die Verunsicherung ob der sportlichen Talfahrt bis auf den letzten Tabellenplatz der Dritten Liga ist den Spielern anzumerken. D/A kontrolliert das Spiel. In der dritten Minute verzieht Alexander Neumann mit links, 60 Sekunden später kratzt Jonas Thorsen einen Schuss von Jasper Gooßen von der Linie.

D/A kontert unentwegt

Neumann scheitert kurz drauf mit einem Fallrückzieher, Gooßen vergibt einen aussichtsreichen Konter über die rechte Seite. Nach dem Seitenwechsel beschränkt sich D/A auf das Konterspiel. Neumann findet in der 64. Minute seinen Meister im Braunschweiger Torwart Kruse. Oliver Ioannou trifft zehn Minuten vor Schluss den Außenpfosten. Die Zuschauer sehen keinen Klassenunterschied. „Das Team glaubt an sich und glaubt an Wunder“, frohlockt Vereinspräsident Rigo Gooßen.

Und Klinkmann? Der sagt, er habe das Vertrauen des Trainers gerechtfertigt mit seiner Leistung. Der junge Torwart mit Stader Wurzeln badet noch lange nach Abpfiff in der Menge. Er genießt den Augenblick.

Sie backt und brät für die Fußballfans

Aus 140 Metern Entfernung verfolgt Sonja Kunert (59) das Elfmeterschießen. In dieser entscheidenden Phase ruht für die Wirtin des Drochterser Vereinsheims die Arbeit am Tresen. „Das habe ich mir mal gegönnt“, sagt die Frau, die bei jedem Heimspiel im Stadion ist, aber von in der Arena am wenigsten vom Fußball mitbekommt. Das Elfmeterschießen habe ihr Gänsehaut beschert. Sonnabendabend und nach einer kurzen Nacht Sonntagmorgen ab drei Uhr bereitete die 59-Jährige das Vereinsheim auf die hungrigen und durstigen Fans vor.

Sonja Kunert briet 150 Frikadellen, buk 170 Brezeln und einige Bleche Apfel- und Zupfkuchen. Hunderte bestellte Brötchen holt ihr Mann vom Bäcker aus Dornbusch. Seit mehr als sechs Jahren geht das nun schon so. „Und während eines Spiels kann ich höchstens mal kurz luschern“, sagt Sonja Kunert, die ein fleißiges Team am Start hat. Mit dem Abpfiff geht im Vereinsheim die Arbeit richtig los. Bier fließt, bis der letzte Gast geht. Das kann spät werden. Dennoch steht Sonja Kunert am Morgen danach als Aufräumkommando im Vereinsheim.

Randalierer zerstören Toiletten

Auf und an der Gästetribüne im Kehdinger Stadion, in der sich die Braunschweiger am Sonntag aufgehalten haben, ist während des Spiels eine Menge zu Bruch gegangen. Einige Randalierer zerstörten die Toiletten im hinteren Teil der Tribüne. Türen und Teile des Zaunes gingen zu Bruch. Ein Papierkorb brannte. Die SV D/A überlegt in den nächsten Tagen, wie sie mit den Schäden umgehen wird.

Insgesamt hatten sich für das Spiel 364 Braunschweiger Fans angekündigt. Etwa 70 Polizisten und dutzende Ordner sorgten für Sicherheit.

An der Linie ohne Probleme

Der 23-jährige Felix Bahr von der SV Ahlerstedt/Ottendorf stand als Schiedsrichterassistent mit der Fahne an der Seitenlinie. Bahr, sein Kollege Tim Lahse und sein Chef André Schönheit hatten während der Partie zwischen D/A und Eintracht Braunschweig alles im Griff. Die Bilanz eines der größten Talente im niedersächsischen Schiedsrichterwesen: einmal Abseits angezeigt, den Hauptschiedsrichter auf zwei Fouls hingewiesen. Ansonsten hatte Bahr aus sportlicher Sicht einen ruhigen Nachmittag. „Zum Glück gab es keine kritischen Situationen“, sagt Bahr, der 90 Minuten lang die Seitenlinie neben dem lautstarken Braunschweiger Fanblock beackerte. Felix Bahr hat im Jahr 2009 seinen Schiedsrichterschein gemacht. Mittlerweile pfeift er im vierten Jahr als Hauptschiedsrichter Oberligapartien und steht ebenso lange als Assistent in der Regionalliga an der Linie. „In Ahlerstedt ist der Zusammenhalt überragend. Dort habe ich eine tolle Förderung erfahren“, sagt Bahr, der einst in der Jugend bei A/O kickte und dann erkannte, dass er als Schiedsrichter erfolgreicher werden kann.

Bahr setzt sich für seine Karriere als Unparteiischer kleine Ziele. Die nächsten seien der Hauptschiedsrichter in der Regionalliga, dann der Assistent in der Dritten Liga. „Bundesliga als Ziel auszurufen, wäre übertrieben“, sagt Bahr. Jedes Jahr müssen die ambitionierten Schiedsrichter ihre Qualitäten in der Theorie und der Praxis aufs Neue nachweisen. Wer die Leistungsprüfungen nicht besteht, wird oben aussortiert. In Richtung Bundesliga werde der Flaschenhals immer enger, sagt Bahr.

Der 23-Jährige ist in der Oberliga längst akzeptiert. Führungsspieler versuchen immer herauszufinden, wie weit sie bei ihm gehen dürfen. Bahr zeigt ihnen ihre Grenzen auf, verbal, mit entsprechender Körpersprache sowie Mimik und Gestik. In der Partie zwischen D/A und Braunschweig musste er von seinem Repertoire nicht allzu viel abrufen.

Die Statistik

Tore: 0:0 nach der regulären Spielzeit

Elfmeterschießen: Klinkmann pariert gegen Fejzullahu, 1:0 Mau, 1:1 Burmeister, 2:1 Grooßen, 2:2 Kijewski, 3:2 Andrijanic, 3:3 Thorsen, 4:3 Hermandung, 4:4 Hofmann, 5:4 Edeling

SV D/A: Klinkmann, Klee, Rogowski, Mau, Fiks, El Saleh, Hermandung, Ioannou, Andrijanic, Gooßen, Neumann (90. Edeling)

Braunschweig: Kruse, Sauerland, Burmeister, Nkansah, Amundsen (90. Kijewski), Franjic (71. Fejzullahu), Thorsen, Fasko, Bulut, Putaro (46. Hofmann), Otto

Schiedsrichter: André Schönheit; Assistenten: Tim Lahse, Felix Bahr

Zuschauer: 1770

Nächstes Spiel: Lüneburger SK – D/A (So., 7. Oktober, 15 Uhr)

Pokal: Das Halbfinale im Landespokal steigt am 22. April 2019, das Finale am 25. Mai. Wann die Halbfinals ausgelost werden, steht noch nicht fest.

Quelle: Stader Tageblatt