D/A: Der Abschied vom Dorfverein

DROCHTERSEN. Der Fußball-Regionalligist SV Drochtersen/Assel hat am Sonntagnachmittag nach der 0:1-Niederlage gegen den 1. FC Germania Egestorf-Langreder im letzten Punktspiel der Saison Trainer Enrico Maaßen verabschiedet. Es eine launige Angelegenheit.
Neben Maaßen verlassen einige Spieler den Verein, Torwarttrainer Christoffer Schellin setzt andere Prioritäten, der Busfahrer gibt den Zündschlüssel weiter. D/A-Präsident Rigo Gooßen gestaltete die Verabschiedungsarie so launig, wie es eben seine Art ist. Dabei haben die meisten der künftigen Ex-Drochterser noch einen letzten Auftrag.

Der Präsident der SV Drochtersen/Assel, Rigo Gooßen, raucht noch eine Zigarette, bevor er vor dem Vereinsheim im Kehdinger Stadion für die Verabschiedungsarie am Ende einer jeden Saison zum Mikrofon greift. Die Regionalligaspieler und der Trainerstab sitzen in der Sonne auf dem Rasen und warten. Zuschauer haben sich auf der anderen Seite der Laufbahn in der Kurve aufgestellt. Einige zücken die Smartphones und filmen.

Gooßen lässt D/A-Coach Enrico Maaßen bis zum Ende zappeln. Die wohl wichtigste Person verabschiedet der Präsident zum Schluss. Eine Woche trainiert Maaßen die Mannschaft noch. Er bereitet sie auf das Landespokal-Finale am Pfingstmontag gegen den SSV Jeddeloh vor, will diesen Pokal gewinnen und verabschiedet sich dann mit seiner Frau und seinem Sohn wenige Tage später in Richtung Bünde in der Nähe von Rödinghausen. Der SV Rödinghausen wird in der Regionalliga West sein neuer Arbeitgeber.

Nach sieben Jahren bei D/A ist für Maaßen Schluss

Gooßen macht kein Geheimnis daraus, dass er von Maaßens Entscheidung nicht begeistert war. In den vergangenen Wochen kritisierte er sogar mehrfach die Spielweise gegen Teams, die in der Tabelle unter D/A standen. Bevor der Wechsel Maaßens bekannt wurde, hatte der Präsident in Sachen Taktik eher selten öffentliche Kritik geäußert. Am Sonntag indes hält Gooßen eine Abschiedsrede auf seinen scheidenden Trainer, die nicht nachtragend klingt, eher launig, wie es Gooßens Art ist. Eine Umarmung gibt es auch. Inklusive freundschaftliches Bauchtätscheln.

Nach sieben Jahren bei D/A ist für Maaßen Schluss. Der ehemalige Drochterser Spieler Jan Koch hatte Maaßen empfohlen. „Ich habe den Ossi genommen“, sagt Gooßen. Maaßen stammt aus Mecklenburg, kam viel herum und suchte schließlich eine fußballerische Heimat. Die fand er in Drochtersen. Nach drei Jahren als Spieler wechselte er auf die Trainerbank und führte das Team sogleich von der Oberliga in die Regionalliga. „Enrico hat einen Riesenanteil am Erfolg der SV D/A“, sagt Gooßen. Vielleicht hat sich der heute 34-Jährige so schnell akklimatisiert, weil er in seinem ersten Testspiel für D/A von einem Gegner aus Oederquart umgemäht wurde. „So lernte er gleich den harten Wind in Kehdingen kennen“, sagt Gooßen.

Mannschaft mit großartigem Charakter

Sieben Jahre später erzählt Maaßen vor dem Vereinsheim im Kehdinger Stadion von vielen emotionalen Momenten und von erfolgreichen Zeiten, von seiner Frau, der er dankbar sei, weil sie ihm immer Halt gegeben habe, obwohl er selten zu Hause gewesen sei. „Das Team hat es mir auch immer leicht gemacht“, sagt er. Die Mannschaft habe einen großartigen Charakter. Die Profiteams seien letztlich beeindruckt, wie geschlossen D/A auftrete.

Jetzt wechselt Maaßen in solch ein Team von Profis. Die Feierabendfußballer, den Dorfverein lässt er hinter sich. „Ich möchte mich weiterentwickeln und hauptberuflich als Trainer arbeiten“, sagt er in die Runde. Er wolle dieses Lebensmodell testen, mutig sein, sich versuchen – „und ich hoffe, dass ihr es mir nachseht“, sagt Maaßen und schiebt damit den Wunsch auf Verständnis an die D/A-Fans hinterher. Dann geht er. Mit Blumen in der Hand. Die Leute applaudieren.

Am Pfingstmontag wird für die Verabschiedungsarie keine Zeit sein nach dem Pokalfinale gegen Jeddeloh. Deshalb zieht Gooßen die Zeremonie vor. Die Liste der künftigen Ex-Drochterser ist lang. Sie reicht vom Busfahrer über Spieler schließlich bis zum Chefcoach. Reinhard Ahrens fuhr den Mannschaftsbus seit 2005. „Er bremst wie der Teufel und hat bislang noch jeden Stau getroffen“, sagt Gooßen über den Fahrer, den alle nur „Bontsche“ nennen.

Wenn die Prioritäten sich ändern

Außenspieler Marco Schuhmann bedankt sich artig „für die kurze aber schöne Zeit“. Nach nur einer Saison wird er D/A wieder verlassen. Ihn zieht es in die Region Lüneburg zurück. Unter Maaßen sammelte Schuhmann nur in den letzten Wochen Spielanteile. Mittelfeldspieler Marcel Brunsch wechselt nach drei Jahren in Kehdingen zum aktuellen Landesligisten SV Ahlerstedt/Ottendorf. Ersatztorwart Jannis Trapp tritt die gleiche Reise an. Er wird als der Keeper in Erinnerung bleiben, der den diesjährigen Pokalerfolg erst ermöglichte, weil er D/A im Achtelfinale gegen Heeslingen im Elfmeterschießen gerettet hatte. „Ich habe mich zwei Jahre lang wohlgefühlt und schöne Momente erlebt“, sagt Trapp.

Torwart Philipp Kühn setzte sich beim Pokal-Halbfinale gegen den VfL Osnabrück ein Denkmal in Drochtersen. Der Mann, der als Ersatz für den verletzten Patrick Siefkes kam, avancierte zum Helden des Elfmeterschießens. Dass sein Engagement nur ein Jahr lang gilt, stand vorher fest. Wohin Kühn wechselt, ist noch unklar. Gooßen verabschiedet am Sonntag nach langer verletzungsbedingter Leidenszeit zudem Finn-Patrick Gierke. Matti Grahle beendet seine Leistungssportkarriere. „Er war einer der stärksten, die wir in den letzten drei Jahren hatten“, sagt Gooßen. Nach neun Jahren geht auch Torwarttrainer Christoffer Schellin. „Ich hatte eine tolle Zeit. Aber die Prioritäten haben sich geändert. Jetzt geht die Familie vor“, sagt Schellin.

Die Einzigen, die nicht mehr ranmüssen, sind Busfahrer „Bontsche“ Ahrens und der verletzte Gierke. Aber auch sie werden am Pfingstmontag vermutlich im Stadion sitzen, wenn D/A im Pokalfinale den echten Schlusspunkt hinter die Saison setzt.

Quelle: Stader Tageblatt