Drochtersen feiert seine Pokalhelden

DROCHTERSEN. Der Fußball-Regionalligist SV Drochtersen/Assel hat sich in einem dramatischen Elfmeterschießen gegen den Drittligisten VfL Osnabrück durchgesetzt und ist am Dienstagabend in das Finale des Niedersachsen-Pokals eingezogen – und den DFB-Pokal.Die Entscheidung – das an Spannung kaum zu überbietende Elfmeterschießen: 0:0 steht es nach zwei unterschiedlichen Halbzeiten im Kehdinger Stadion. Die knapp 1900 Fans und die Mannschaft der SV Drochtersen/Assel feiern das Erreichen des Elfmeterschießens schon wie einen Sieg. Da wissen sie noch nicht, was sie erwarten wird – und das mit einem Happy End. D/A-Torwarttrainer Christoffer Schellin steht nur wenige Meter von der Haupttribüne entfernt und redet mit Torwart Philipp Kühn. Schellin hat einen Zettel in der Hand. Diesen steckt er nach der Unterhaltung Kühn zu. Die Szene erinnert an den berühmten WM-Zettel von Jens Lehmann 2006.

Nico Mau geht voran

Der etatmäßige Elfmeterschütze der Drochterser, Nico Mau, schnappt sich als erster den Ball und geht lässig zum Punkt. Er verwandelt sicher. Der Osnabrücker Tim Danneberg gleicht locker aus. Der kurz vor Spielende eingewechselte Marcel Andrijanic ist der Nächste. Er haut den Ball weit über die Latte. D/A liegt nach dem zweiten Schuss hinten. Denn Kamer Krasniqi verwandelt anschließend souverän.

Nikola Serra schiebt locker ein. Utku Sen ebenso. Marius Winkelmann platziert. Robert Kristo unhaltbar.

Alexander Neumann als letzter D/A-Schütze steht unter Druck. Er hält stand. Nun kann Ahmet Metin Arslan, der zwei Saisons für den Hamburger SV (II) spielte und auf einen Bundesligaeinsatz zurückblicken darf, alles klar machen für den Favoriten. Arslan nimmt kurz Anlauf – und lupft, frech in die Mitte. Kühn bleibt stehen und fängt den Ball.

Das Kehdinger Stadion gleicht einem Tollhaus. Nun entscheidet jeder Schuss beziehungsweise Fehlschuss. Matti Grahle verwandelt sicher. Marc Heider ebenso.

D/A-Kapitän Meikel Klee tippelt nur drei Schrittchen zum Punkt, knallt den Ball aber sicher mittig unter die Latte. Marcel Appiah gleicht wuchtig aus.

Oliver Ioannou schießt platziert, aber halb hoch. VfL-Torhüter Tim Paterok wählt die richtige Ecke und hält. Adam Susac kann nun abermals alles klar machen für den Favoriten. Philipp Kühn geht auf den Schützen zu, redet auf ihn ein. Schiedsrichter Marius Schlüwe zeigt dem D/A-Torhüter die Gelbe Karte. Kühn geht zurück in den Kasten, springt hoch, klatscht mit den Händen an die Latte. Schlüwe läuft an, schießt wenig platziert, und Kühn hält. Das Drama nimmt seinen Lauf. „Er war der letzte Schütze, da musste ich Druck aufbauen“, kommentiert Kühn später die Gelbe Karte.

Fiks „war richtig aufgeregt“

Dimitri Fiks ist an der Reihe. Er, der zuvor ein starkes Spiel in der Innenverteidigung gemacht hatte, pustet auf dem Weg zum Elfmeterpunkt zwei Mal ganz kräftig, mit dicken Backen, durch. Kühn kommt ihn entgegen, spricht Fiks Mut zu. „Ich hab’ gesehen, dass er sich nicht 100-prozentig sicher war“, sagt Kühn. Es hilft nicht. Fiks verschießt. „Ich war richtig aufgeregt“, gibt Fiks später zu. VfL-Torhüter Tim Paterok kann als dritter Osnabrücker alles klar machen – und schießt vorbei.

Nun geht Laurens Rogowski an den Punkt. Er verwandelt humorlos. Steffen Tiggers ist der erste VfL-Schütze, der den ganz großen Druck hat. Er schießt nicht schlecht. Doch Kühn wählt die richtige Ecke und hält. D/A gewinnt mit 7:6 nach jeweils zehn Schützen das Elfmeterschießen. Der Jubel ist frenetisch. Stadionsprecher Dirk Ludewig schreit ins Mikrofon „Jaaaaaa“ und leitet die Feier mit „Das Wunder von Drochtersen“ ein.

Philipp Kühn muss erst mal vors NDR-Mikrofon. Ganz cool beantwortet er die üblichen Fragen.

Und was war da mit dem Spickzettel? „Wir bereiten uns natürlich auch vor“, sagt er dem TAGEBLATT, „bei den drei, vier Schützen, die wir auf dem Zettel hatten, hat es aber nicht so gut geklappt. Letztlich musste ich mich selbst entscheiden.“ Er entschied sich drei Mal richtig, er blieb stehen, er holte sich eine Gelbe Karte ab und wählte zuletzt die richtige Ecke. Sein Gegenüber schoss davor vorbei.

Zwei völlig unterschiedliche Halbzeiten

Das Spiel – mit zwei sehr unterschiedlichen Halbzeiten: D/A-Trainer Enrico Maaßen setzt gegen den Favoriten auf ein defensives 5-3-1-1-System, mit dem D/A zuvor schon beim Tabellenführer der Regionalliga Nord, dem Hamburger SV II, ein 0:0 geholt hatte. Drittligist VfL Osnabrück geht mit einer 4-2-3-1-Grundordnung in das Halbfinale. D/A agiert abwartend und mit Respekt. Der VfL ist bemüht und tut sich schwer. Das Spiel ist zähe Kost. Der Funke will und kann nicht überspringen aufs Publikum. Osnabrück baut nach und nach mehr Druck auf. Maaßen fordert von seiner Mannschaft vermehrt, dass sie „tiefer, tiefer“ stehen soll. D/A verteidigt gut. Nur: Befreiungsschläge sind schnell wieder in der eigenen Hälfte, und Konterchancen verpuffen durch ungenaues Spiel. Je näher der Halbzeitpfiff naht, desto mutiger beginnt D/A ansatzweise mitzuspielen. Mit 0:0 geht’s in die Pause. D/A feiert einen kleinen Teilerfolg. Auch wenn’s nicht schön war.

Nach dem Seitenwechsel passiert in fünf Minuten mehr als in der gesamten ersten Halbzeit. Nun kommt auch richtig Stimmung auf im Kehdinger Stadion. Nico Mau eröffnet den nun beginnenden Pokalfight mit einem Fernschuss. „Ja, genau“, ruft ein Fan. In der 47. Minute kann sich Arslan im Fünfmeterraum durchsetzen und schießt hart aus der Drehung, Philipp Kühn ist mit einer reflexartigen Glanzparade erstmals der Held. In der 49. Minute holt D/A nach einer schönen Kombination seine erste Ecke des Spiels heraus. Mau setzt zu einem Flugkopfball an und bringt den Ball aufs Tor. Die Zuschauer sehen nun ein mitreißendes Fußballspiel. Statt „tiefer, tiefer“ fordert Maaßen nun mehrmals „spielt weiter, spielt weiter“.

Arslan hat in der 63. Minute per Kopf die nächste Großchance, Kühn steht gut und klärt zur Ecke. Nur eine Minute später hat D/A Glück, dass Tim Danneberg am langen Pfosten einen Querpass von Steffen Tiggers nur hauchdünn verpasst.

Der zweikampfstarke Dimitri Fiks erobert im eigenen Strafraum den Ball, legt einen Sprint hin und passt nach rechts auf Jasper Gooßen, der geht steil und passt quer, in der Mitte rutscht Fiks nur Millimeter am Ball vorbei. Großchance in der 66. Minute.

In der 69. Minute legt Alexander Neumann ein Tänzchen hin mit zwei Osnabrückern und legt dann ab auf Gooßen, dessen Abschluss die Präzision fehlt. Dennoch Kategorie Großchance. Gooßen leitet die nächste Großchance ein, doch Matti Grahle wird beim Abschluss im Fünfer geblockt (73.). Nur zwei Minuten später ist es erneut Gooßen, der passt, dieses Mal wird Abnehmer Marius Winkelmann geblockt. Im Gegenzug pariert Kühn bei einem 18-Meter-Schuss von Bashkim Renneke.

In den Schlussminuten tigert sogar D/A-Präsident Rigo Gooßen am Spielfeldrand entlang und fordert die stehenden Fans auf der Haupttribüne auf, noch lauter zu sein, um die Mannschaft zu unterstützen. Nach zwei Minuten Nachspielzeit ist das Spiel aus. Und es folgt ein unglaubliches Elfmeterschießen. Mit Happy End für D/A.

Die Statistik des Spiels

Tore: Fehlanzeige

Elfmeterschießen: 1:0 Nico Mau; 1:1 Tim Danneberg; Marcel Andrijanic verschießt; 1:2 Kamer Krasniqi; 2:2 NiKola Serra; 2:3 Utku Sen; 3:3 Marius Winkelmann; 3:4 Robert Kristo; 4:4 Alexander Neumann; Philipp Kühn (Drochtersen) pariert Schuss von Ahmet Arslan; 5:4 Matti Grahle; 5:5 Marc Heider; 6:5 Meikel Klee; 6:6 Marcel Appiah; Tim Paterok pariert Schuss von Oliver Ioannou; Philipp Kühn pariert Schuss von Adam Susac; Tim Paterok pariert Schuss von Dimitri Fiks; Tim Paterok schießt daneben; 7:6 Laurens Rogowski; Kühn hält Schuss von Steffen Tiggers

D/A: Kühn, Klee, Rogowski, Fiks, Serra, Grahle, Ioannou, Mau, Winkelmann, Neumann, Gooßen (88. Andrijanic)

VfL: Paterok, Falkenberg (61. Tiggers), Susac, Appiah, Engel, Arslan, Krasniqi, Heider, Danneberg, Renneke (90. Sen), Alavrez (81. Kristo)

Zuschauer: 1873

Nächstes Spiel: BSV Schwarz-Weiß Rehden – D/A (So., 8. April, 15 Uhr)

Quelle: Stader Tageblatt