Von der Weltstadt in die Provinz

DROCHTERSEN. Philipp Kühn (24) schaut zerknirscht. Der neue Torwart des Fußball-Regionalligisten SV Drochtersen/Assel ist gerade mal zwei Wochen da, hat mit D/A noch kein Spiel verloren, freute sich auf das Spitzenspiel gegen den HSV II und wird nun doch von einer Verletzung ausgebremst.

Kühn sitzt heute wegen eines Muskelfaserrisses in der Leistengegend definitiv auf der Tribüne, wenn seine neuen Kollegen am Freitag ab 19.30 Uhr im Kehdinger Stadion den Tabellenführer Hamburger SV II niederringen wollen. Dabei hat sich der ambitionierte Torwart so viel vorgenommen. „Ich möchte den Schritt zurück zum Profifußballer schaffen“, sagt Kühn, der bei D/A einen Vertrag bis zum Ende der laufenden Saison unterzeichnet hat. Er will sich in der Regionalliga Nord zeigen, sich mit Leistung anbieten. Dabei betont er, das Engagement in Drochtersen nicht lediglich als Sprungbrett für höhere Weihen anzusehen.

Kühn: „Die Mannschaft hat einen Top-Charakter.“

In Ahlen ausgebildet hat Kühn später bei RW Oberhausen, SV Sandhausen und Viktoria Köln ausschließlich vom Fußballspielen gelebt. Er will zurück in dieses Leben, täglich auf dem Trainingsplatz stehen unter professionellen Bedingungen. In Drochtersen spielen keine Profis. Hier kickt Kühn unter Studenten, Auszubildenden, Arbeitern und Angestellten – unter Feierabendfußballern. Das soll nicht despektierlich klingen. Kühn zieht vielmehr den Hut vor Typen wie Meikel Klee, der den ganzen Tag auf dem Bau steht und abends trainiert, oder Jannes Elfers, der morgens um vier Uhr aufsteht, nach Hamburg fährt, sein Geld verdient und am Abend trotzdem einer der ersten auf dem Rasen ist. „Ich bin froh, dass mir der Verein eine Chance gegeben hat. Das ist kein Ausnutzen“, sagt Kühn. Was die professionellen Bedingungen anginge, sei D/A trotz seiner ehrenamtlichen Strukturen nahe dran an den Bedingungen seiner ehemaligen Arbeitgeber. Kühn sagt, er habe das fußballerische Niveau im Drochterser Training in der Qualität so nicht erwartet. „Die Mannschaft hat einen Top-Charakter“, sagt er.

Als Kühn noch bei Viktoria spielte, war der Anspruch, eben solche Feierabendfußballer, die es auch in der Regionalliga West gibt, zu schlagen. Bei D/A merkt er gerade, dass die Drochterser vielen Gegnern spielerisch zwar unterlegen scheinen, physisch aber um Längen besser sind.

Kühn ist auch ein Schrank bei einer Körpergröße von knapp einsneunzig. Er hat ein kantiges Gesicht mit Dreitagebart und landete in Drochtersen nicht zuletzt wegen seiner Ausstrahlung. Auf den ersten Blick wirkt es vielleicht sogar arrogant, wie Kühn mit breiter Brust und erhobenem Kopf seinen Strafraum bewacht und seine Vorderleute dirigiert. Wer genau hinschaut und die Körpersprache wohlwollend interpretiert, erkennt einen Mann, der seinem Gegner sagen will: „Du kannst mir gar nichts. Ich habe alles im Griff.“

Aus Kölns Zentrum an Krautsands Strand

In Köln lebte Kühn, der seit Juni mit Sarah verheiratet ist, zuletzt mitten im Zentrum. Zu Fuß war er in fünf Minuten am Dom. Jetzt lebt er in der beschaulichen Provinz, das erste Mal in seiner Karriere spielt er überhaupt bei einem Nordclub, und kann dem Ganzen durchaus etwas Positives abgewinnen. Von seiner Wohnung auf der Elbinsel Krautsand ist Kühn in fünf Minuten am Strand. Er genießt die Ruhe. Der erste kleine Kulturschock ist nach zwei Wochen Landleben längst überwunden. Außerdem ist Köln nicht aus der Welt. Kühn und seine Ehefrau pendeln so oft es geht zwischen der Weltstadt am Rhein und dem beschaulichen Dorf an der Elbe.

Gegen den HSV schaut Philipp Kühn also zu. Das Torwart-Dilemma bei der SV Drochtersen/Assel will scheinbar kein Ende nehmen. Zuerst verletzte sich Stammkraft Patrick Siefkes. Seine Operation am Kreuzband am 16. August verlief übrigens ohne Komplikationen. Innerhalb weniger Tage präsentierte D/A mit Kühn einen Neuzugang. Jannis Trapp, der Patrick Siefkes zunächst ersetzte, rückte wieder ins zweite Glied. In Eutin erwischte es Kühn. Jetzt muss Trapp wieder ran. Und solch ein Muskelfaserriss kann richtig eklig werden. Für Kühn steht sogar ein Einsatz am 3. September beim FC St. Pauli II in den Sternen.

Rund um das Spiel gegen den HSV II

Bevor die Regionalligaspieler am Freitagabend den Rasen betreten, bestreiten die U 11-Mannschaft der SV Drochtersen/Assel und die HSV-Talente-Gruppe Süd ab 18 Uhr das Vorspiel.

Die D/A-Offiziellen empfehlen den Zuschauern eine rechtzeitige Anreise, weil sie weit mehr als 1000 Menschen erwarten. Wer im Vorverkauf bei Sport-Freudenthal in Drochtersen oder in der Stadtschänke in Stade ein Ticket erworben hat, kann einen separaten Eingang nutzen. So geht es schneller.

Die ersten 50 Besucher erhalten einen Gutschein für das Strandbistro „Strandzeit“ im Elbstrand Resort auf Krautsand.

Den Spielball stiftet HSV- und D/A-Fan Ulf Lorenzen von Lorenzen Metallbau.

Quelle: Stader Tageblatt