3:2-Sieg in Eutin: D/A kann nur noch Krimis

EUTIN. Die SV Drochtersen/Assel hat beim Aufsteiger Eutin 08 mit 3:2 gewonnen und sich in der Spitzengruppe der Regionalliga Nord eingenistet. Ein Spiel, das spannende Geschichten schrieb und eine, die wohl höchste Stellen beim Verbandes beschäftigen wird.

Die Abwehrschwäche

In der 15. Minute kickt D/A-Trainer Enrico Maaßen vor Wut eine Wasserflasche weg. Er hatte seine Spieler vor dem Anpfiff noch gewarnt vor der Stärke des Aufsteigers bei ruhenden Bällen. Nachdem Nico Mau auf der rechten Seite Philip Nielsen ohne Not in die Beine grätscht und dafür zu Recht die Gelbe Karte kassiert, nimmt das Unheil seinen Lauf. Der Ball landet nach dem Freistoß auf dem Kopf von Nielsen und schließlich für D/A-Keeper Philipp Kühn unhaltbar im Tor. Drochtersens Marcel Andrijanic steht gut einen Meter zu weit weg von seinem Gegenspieler und kann nicht klären. Beim zweiten Gegentreffer zum 1:2 in der 37. Minute versäumt es D/A, den Ball ganz rustikal aus dem Strafraum zu bolzen. Gelegenheit dazu gibt es mehrfach. Nielsen markiert schließlich sein zweites Tor.

In der vergangenen Saison kassierte Drochtersen bis zum vierten Spieltag nur zwei Gegentore und bis zum Ende der Spielzeit 33. Jetzt sind es bereits sieben. Das Saisonziel, erneut die beste Abwehr der Liga zu stellen, ist in Gefahr.

Die offensive Wucht

Ein Tor mehr zu schießen als der Gegner, um ein Spiel zu gewinnen, ist eine abgedroschene Floskel. Aber D/A kann sich derzeit auf seine Offensive verlassen. Die Antwort auf den Rückstand in Eutin lässt nicht lange auf sich warten. Marius Winkelmann schafft in der 19. Minute den 1:1-Ausgleich, als er nach einem Freistoß von Andrijanic am zweiten Pfosten nur noch den Fuß hinhalten muss. Die Kehdinger haben nach der Pause durch Alexander Neumann, Finn-Patrick Gierke und Winkelmann die Chancen auf den Ausgleich, aber erst in der Schlussphase drehen sie die Partie, weil sie dem Gegner physisch und spielerisch weit überlegen sind. „Die Jungs sind geisteskrank“, sagt Enrico Maaßen und lächelt. Die offensive Wucht sei unfassbar, eine neue Qualität.

Es ist an der Zeit, neue Saisonziele zu definieren. Mit neun Toren in vier Spielen gehört die D/A-Offensive derzeit zum Besten, was die Liga zu bieten hat. In den beiden Vorjahren schossen die Drochterser bis zum vierten Spieltag jeweils nur zwei Treffer.

Das Tor mit Ansage

D/A-Präsident Rigo Gooßen sitzt bei jedem Spiel an der Seitenlinie und geht leidenschaftlich mit. In der 74. Minute ruft Gooßen laut auf den Platz, dass Nico Mau jetzt bitteschön das 2:2 erzielen möge. Und was macht der Innenverteidiger? Er gewinnt nach einer Ecke von Andrijanic das Kopfballduell im Strafraum und nickt ein. Weil sein Auftritt bis dahin nicht der Allerbeste war, freut sich Mau entsprechend, fast trotzig. Gooßen feixt am Spielfeldrand ob seiner hellseherischen Fähigkeiten.

Der glückliche Joker

In der 84. Minute avanciert Dimitri Fiks zum Helden des Spiels. Mit seinem rechten Fuß zirkelt er den Ball von der Strafraumgrenze in Richtung Eutiner Tor. Der Ball senkt sich hinter Torwart Lennart Weidner unhaltbar ins Netz. Er wäre nie reingegangen, wenn er nicht abgefälscht worden wäre. „Normalerweise hätte Weidner ihn gefangen“, sagt Fiks. Fiks kommt erst in der 78. Minute für Florian Nagel ins Spiel und besitzt mit seinem ersten Ballkontakt eine viel aussichtsreichere Torchance. Knochenfrei steht er vor Weidner und legt nach links auf Neumann ab, anstatt selbst zu schießen. Die Chance verpufft.

Das Kreuz mit den Verletzten

D/A zollt seiner intensiven Spielweise Tribut. Auch im Training geht es zur Sache. Neuster Name auf der Verletztenliste ist Florian Nagel. Der Kreative bekommt in der 78. Minute in Eutin einen Tritt auf den Fuß und muss raus. „Es hat geknackt“, sagt Nagel nach seiner Auswechslung auf der Bank. D/A hofft, dass sich die Verletzung als harmlos herausstellt. Schließlich stehen auf der Liste bereits Oliver Ioannou, Erdogan Pini, Sven Sören Zöpfgen, Philipp Kühn und Patrick Siefkes.

Das Leid der Torhüter

Die Pechsträhne auf der Torhüterposition reißt nicht ab. Der gerade erst verpflichtete Philipp Kühn hat nach seinem ersten weiten Abschlag „kein gutes Gefühl“. Es zwickt in der Gegend der Adduktoren und der Leiste. „Wenn ich nicht 100 Prozent geben kann, bringt das nichts“, sagt Kühn und gibt der Bank einen Wink. Ersatzmann Jannis Trapp macht sich in der Pause warm und geht schließlich für Kühn zwischen die Pfosten. Welche Wechselbäder der Gefühle Trapp wohl in den vergangenen Wochen durchlebt haben muss? Nach dem Kreuzbandriss von Patrick Siefkes ist Trapp einmal die Nummer eins und rückt nach der Verpflichtung von Kühn wieder ins zweite Glied. „Ein komisches Gefühlsleben“, sagt Trapp. Mehr wolle er zu dem Thema gar nicht sagen. Kühn fiel mit einem Abriss der Adduktoren bereits einmal für dreieinhalb Monate aus in seiner bisherigen Karriere. Er sagt, er habe die Zeichen erkannt und wolle das kein zweites Mal riskieren. Am Montag spricht er beim Mannschaftsarzt vor.

Die Verspätung mit Folgen

Schiedsrichter Christian Meermann pfeift die Partie mit einer Dreiviertelstunde Verspätung an. D/A stand in Hamburg in einem 15 Kilometer langen Stau. Die Drochterser haben nicht einmal eine Dreiviertelstunde Zeit, um sich warmzumachen. D/A-Trainer Enrico Maaßen hatte um eine Stunde gebeten. Vereinschef Rigo Gooßen gibt sich höchst verärgert. Er wirft dem Schiedsrichterbeobachter vor, „eine Welle gemacht“ und „Einfluss auf die Schiedsrichter genommen“ zu haben, was die Anstoßzeit angeht, obwohl er doch nur beobachten dürfe. Die Schiedsrichter selbst und Eutin als Gastgeber seien eigentlich sehr kooperativ gewesen. Der Beobachter soll, so Gooßen, Maaßen gegenüber in „einer nicht hinnehmbaren Form“ aufgetreten sein. Gooßen will sich nun beim Vorsitzenden des Schiedsrichterausschusses über den Vorgang beschweren. Der Beobachter, der auf TAGEBLATT-Nachfrage seinen Namen nicht nennen möchte, bestreitet, sich im Ton vergriffen zu haben und betont, er sei auch dafür da, dem Schiedsrichter in Statutenfragen Hilfestellung zu geben. Die Partie dürfe sich nur um 45 Minuten verzögern. „Wäre die Partie um 16.05 Uhr angepfiffen worden, hätte es für Eutin einen Protestgrund gegeben“, sagt der Beobachter.

Die Statistik

Tore: 1:0 (15.) Nielsen, 1:1 (19.) Winkelmann, 2:1 (37.) Nielsen, 2:2 (74.) Mau, 2:3 (84.) Fiks.

Eutin 08: Weidner, Witt (85. Tobinski), Voß, Bohnsack, Rave, Nielsen (57. Borchardt), Steinwarth, Bork, Wölk, Petrick (64. Kaps), Stahl.

SV Drochtersen/Assel: Kühn (46. Trapp), Serra, Mau, Grahle, Klee (72. Schuhmann), Jannes, Andrijanic, Winkelmann, Nagel (78. Fiks), Gierke, Neumann.

Schiedsrichter: Christian Meermann; Assistenten: Niklas Milczewski, Patrick Müller

Zuschauer: 400

Nächstes Spiel: SV Drochtersen/Assel – Hamburger SV II (Fr., 25. August, 19.30 Uhr, Kehdinger Stadion).

Quelle: Stader Tageblatt