D/A-Heimspielauftakt nach perfektem Drehbuch

DROCHTERSEN. Die SV Drochtersen/Assel und der VfB Lübeck haben Freitag Fußball vom Feinsten. Die Kehdinger haben im ersten Heimspiel der Regionalligasaison die 998 Zuschauer mit einem 3:2-Sieg verzückt. Das Drehbuch war perfekt. Auch dank vier Hauptdarsteller.

Von Jan Bröhan und Daniel Berlin

Da ist zu aller erst Marcel Andrijanic. Der von D/A-Trainer Enrico Maaßen hochgelobte Neuzugang, der sich aber im Trainingslager verletzt hatte. Andrijanic macht nun sein erstes Pflichtspiel. Und die Bühne hätte nicht besser sein können: das erste Heimspiel der Saison, gegen einen Gegner mit klangvollem Namen und großen Ambitionen. Den VfB Lübeck zieht es kurzfristig in die 3. Liga. Viele Trainer der Regionalliga zählen den VfB Lübeck in dieser Saison zu den Meisterschaftsanwärtern. Andrijanic ist von der ersten Minute an Führungsspieler im Mittelfeld, das er zusammen und fein abgestimmt mit Oliver Ioannou und Florian Nagel dominiert. Schon in der ersten Minute gibt Andrijanic dem anderen Neuzugang, Erdogan Pini, Anweisungen, als dieser einen Angriffsversuch nicht durchbringt.

Das Spiel ist auf hohem Niveau. Die Lübecker sind in der Breite einen Tick technisch versierter. D/A besticht durch eine enorme Grundordnung und mit großer Disziplin. Andrijanic, der Techniker, ist nickelig, er führt viele Zweikämpfe, gewinnt die meisten oder begeht unaufgeregte, kleine Fouls. Die Lübecker kommen so nur ansatzweise ins Spiel. Das Spiel findet 25 Minuten lang fast ausschließlich im Mittelfeld statt. Beide Mannschaften beackern sich, das aber unterhaltend.

Und dann, in der 28. Minute, zeigt Andrijanic die Klasse, die ihm Maaßen nachsagt. Der Mittelfeldspieler könne in schwierigen Situationen starke und richtige Entscheidungen treffen, lobte Maaßen den Neuzugang im Vorfeld. Genau das macht Andrijanic, als er nach einem Ballgewinn im Mittelfeld von drei Lübecker Spielern umringt und attackiert wird, behauptet er den Ball und hat dabei so viel Übersicht, dass er durch die einzige sich bietende Lücke einen feinen Pass spielt und einen Angriff über Alexander Neumann einleitet. Dieser geht über rechts durch und spielt quer in den Strafraum, wo Pini in den Pass grätscht, den Ball aber am Pfosten vorbeischiebt. Das hätte die Führung sein müssen. Schließlich ist Pini mit vielen starken Aktionen auch Hauptdarsteller.

Nur zwei Minuten später ist D/A nach einer sehenswerten Kombination über Nagel, Pini und Neumann der Führung wieder ganz nah.

Doch dann spielt sich Nico Mau in den Vordergrund. Der Verteidiger, der durch solides und nickeliges Spiel auffällt, ist in der 33. Minute nicht solide und nickelig genug. Er kann in zwei Versuchen VfB-Spieler Gökay Isitan nicht vom Ball trennen. Isitan spielt steil auf seinen Außenspieler Nico Löffler, der mit seinem perfektem Abschluss D/A-Verteidiger Nikola Serra und Torhüter Jannis Trapp keine Chance lässt. Plötzlich steht es 0:1.

Nun ist der VfB der Taktgeber. D/A sucht nach seiner Ordnung. In der letzten Minute vor der willkommenen Pause sorgt Mau für die nächste Schrecksekunde. Seine Kopfballrückgabe nach einem Zweikampf mit VfB-Stürmer Gary Noel gerät zu kurz, D/A-Torhüter Trapp zögert ein wenig, dann stürmt er dem heranstürmenden Noel entgegen und trifft den Ball den entscheidenden Tick eher als der gegnerische Stürmer. Pause. Durchatmen.

Doch die zweite Halbzeit beginnt, wie die erste endete. Mit einem Hauptdarsteller Mau, der nicht ganz im Film ist. Es sind gerade einmal drei Minuten gelaufen, da verliert er in untypischer Manier einen Zweikampf gegen Noel. Der Stürmer hat freie Bahn aufs Tor, Mau verfolgt ihn und setzt im Strafraum zu einer Grätsche an, die sich in diesem Moment nur die wenigsten getraut hätten, mit der Mau den VfB-Stürmer aber einwandfrei am Schuss hindert und den Ball freigibt für Torhüter Trapp. War Mau überhaupt von seinen Fehlern verunsichert, so ist er nach dieser Szene wieder der Alte. Und wird das nur wenig später präsentieren dürfen.

Erstmal übernimmt aber Andrijanic wieder Regie. Nach einem Freistoß von Lübeck initiiert Torhüter Trapp schnell ein Konter, indem er den Ball Andrijanic in den Lauf rollt, der passt auf Pini, der nimmt Fahrt auf über links und legt den Ball auf Strafraumhöhe quer zu dem mitgelaufenen Andrijanic. Andrijanic verarbeitet den Ball, behält die Ruhe und schließt platziert zum 1:1-Ausgleich ab. Ein Traumtor von der Entstehung bis zur Ausführung. Es sind 52. Minuten gespielt. Nun gestaltet D/A das Drehbuch.

Der vierte Hauptdarsteller ist ein alter Bekannter. Stürmer Alexander Neumann läuft sich an vorderster Front einen Wolf. Bei allem Fleiß ist er auch noch in großer Spiellaune. Pini schlägt eine Flanke, Neumann nimmt den Ball im Strafraum runter und umdribbelt sogleich seinen Gegner – und wird gefoult. Elfmeter. Nun übernimmt der Hauptdarsteller, der bisher nicht so ganz überzeugen konnte. Mau tritt an. Schließlich ist er der etatmäßige Schütze. Trainer Enrico Maaßen kann nicht hinsehen. Mau ist aber Mau. Er macht sich keinen Kopf und verwandelt so cool und so sicher, wie es nur geht. Die 2:1-Führung in der 55. Minute. Die Mannschaft habe ihn nach den Fehlern wieder motiviert. „Ich habe es beim Elfmeter geschafft, meinen Kopf auszuschalten“, sagt Mau.

Das Drehbuch hält aber noch einen Spannungsbogen bereit. Schließlich ist der VfB Lübeck eine Spitzenmannschaft. Der Gegner bleibt gefährlich und sucht seine Chancen. Eine bietet sich, als es die Hintermannschaft von D/A nicht schafft, in mehreren versuchen den Ball aus dem Strafraum zu befördern. Daniel Halke grätscht und stochert den Ball zum 2:2-Ausgleich ins Tor. Der allgemeinen Konfusion folgt große Ernüchterung. Im Kehdinger Stadion kommt dieses Gefühl auf, dass sich D/A für seinen immensen Aufwand nicht belohnen kann. Es ist die 85. Minute. Andrijanic und Pini sind schon lange unter Szenenapplaus ausgewechselt. Doch Neumann ist ja noch da. Der Stürmer düpiert mit einer ganz starken Einzelleistung vier Lübecker und erzielt den 3:2-Siegtreffer. Nur eine Minute nach dem Ausgleich.

„Ich bin unheimlich stolz auf meine Mannschaft. Auf ihre mentale Stärke“, sagt Enrico Maaßen. Vereinschef Rigo Gooßen wurde vor einigen Tagen schon mulmig bei Betrachtung des Spielplans. Mit Jeddeloh erst ein starker Aufsteiger, dann Lübeck, dann Wolfsburg. Jetzt hat D/A vier Punkte und ein Ausrufezeichen gesetzt.

Die Statistik

Tore: 0:1 (33.) Löffler, 1:1 (52.) Andrijanic , 2:1 (56. FE) Mau, 2:2 (85.) Halke, 3:2 (86.) Neumann

SV Drochtersen/Assel: Trapp, Klee, Serra, Mau, Grahle, Elfers, Nagel (90. Rogowski), Andrijanic (72. Winkelmann), Ioannou, Neumann, Pini (78. Gierke)

VfB Lübeck: Gommert, Gomig, Wehrendt, Nogovic (72. Richter), Noel, Deichmann, Isitan, Halke, Löffler (88. Queckenstedt), Hoins (61. Thiel), Thelen

Schiedsrichter: Franz Bokop, Assistenten: Marcel Klein, Per-Ole Wendlandt

Zuschauer: 998

Nächstes Spiel: SV D/A – VfL Wolfsburg II (Freitag, 11. August, Kehdinger Stadion)

 

Drei Fragen an…Marcel Andrijanic

D/A-Neuzugang Marcel Andrijanic hat bei den Kehdingern einen Einstand nach Maß gefeiert. Dabei steht der 24-jährige Mittelfeldspieler erst seit eineinhalb Wochen im Training nach einer Verletzung, die er sich ganz früh in der Vorbereitungsphase zugezogen hatte. Was Andrijanic beim 3:2-Sieg gegen den VfB Lübeck am Ball machte, hatte Hand und Fuß. Gekrönt hat er seine Leistung mit dem Tor zum 1:1. In der 73. Minute endete sein überaus erfolgreicher Arbeitstag mit seiner Auswechslung. Er war am Ende seiner Kräfte.

Marcel Andrijanic, Sie haben heute im Mittelfeld agiert, als ob Sie schon immer zu D/A gehören. Wie konnten Sie sich so schnell integrieren?

Körperlich reicht es leider noch nicht für 90 Minuten. Aber die Philosophie von Drochtersen habe ich verinnerlicht. Wenn elf Leute Schulter an Schulter kämpfen, ist das einfach genial.

Das 1:1 haben Sie nach dem schnellen Abwurf von Torwart Jannis Trapp mit eingeleitet und selbst abgeschlossen. Wie haben Sie diesen Angriff erlebt?

Ich war überrascht, dass ich so blank vor dem Tor stand. Erdogan hat richtig gut für mich aufgelegt. Wenn es in dieser Saison so weiter läuft, unterschreibe ich das gerne.

D/A hat heute nicht irgendwen geschlagen, sondern den Meisterschaftsfavoriten VfB Lübeck. Ist Ihnen klar, dass sie bereits ein Ausrufezeichen in der Liga gesetzt haben?

Wir wollten dieses Ausrufezeichen setzen. Wir wollen zu Hause eine Macht sein und den Zuschauern etwas bieten. Ich glaube, das ist uns gelungen. Lübeck wird in der Liga eine große Rolle spielen. Aber auch wir sind nicht schlecht. Vor allem waren wir heute eklig. Das zeichnet uns aus.