D/A schlägt Flensburg im letzten Heimspiel des Jahres

DROCHTERSEN. Der Fußball-Regionalligist SV Drochtersen/Assel hat sich im letzten Heimspiel des Jahres vor 500 Zuschauern 2:1 gegen den Tabellendritten Weiche Flensburg durchgesetzt. Bei widrigen Wetterverhältnissen war viel Glück dabei, aber danach bald niemand mehr.

Die Zuschauer haben die Sitztribüne des Kehdinger Stadions längst verlassen. Egon Possel (67) sammelt die Sitzkissen ein und legt die Decken zusammen. Seit sieben Jahren ist das der Hauptjob des ehrenamtlichen Helfers aus Assel. Eins, höchstens zwei Bier trinkt der Senior noch im Vereinsheim, dann fährt er nach Hause und gibt sich seiner größten Leidenschaft hin. Der Statistik.

Possel notiert für den 18. Spieltag der Fußball-Regionalligasaison 2016/2017 auf einem kleinkarierten DIN-A-4-Blatt das Endergebnis von 2:1 gegen den ETSV Weiche Flensburg. Darunter schreibt er die Torfolge: 0:1 René Guder (66.), 1:1 Alexander Neumann (75.), 2:1 Jasper Gooßen (84.). Die Aufstellungen der SV D/A hält Possel seit 1977 schriftlich fest.

Zwei Chancen genügen

Possel macht das ohne Schnörkel. Für das Archiv interessieren nur die schnöden Zahlen. Dabei wäre es für die Nachwelt doch hochinteressant, dass die Gastgeber gegen den Tabellendritten lediglich zwei große Chancen hatten, die Neumann und Gooßen aber eiskalt nutzten. Fußballer würden sagen, dass das Tor von Neumann wie aus dem Nichts fiel. Gooßen gewann nach einem Abschlag im Mittelfeld das Kopfballduell, Florian Nagel setzte Neumann in Szene. Freiststehend versenkte der den Ball im Flensburger Tor. Neumann war zudem am Siegtreffer beteiligt. Die Kombination zwischen ihm und Nagel im offensiven Mittelfeld verdiente das Attribut herausragend. Die Pässe der beiden, inklusive der finale Pass auf Jasper Gooßen gingen den Flensburgern viel zu schnell. Kein Gegner war auch nur in der Nähe der Ballführenden. Ganz in Ruhe legte sich Gooßen schließlich den Ball zurecht und vollendete.

Dass der ETSV Weiche Flensburg die Begegnung nie und nimmer hätte verlieren dürfen, verschweigt Possel in seiner Statistik. Daran erinnert höchstens noch der Zeitungsbericht, den er montags sauber abheftet. Allein René Guder hätte das Spiel zugunsten des Tabellendritten entscheiden müssen. In der 36. Minute flog sein Heber knapp rechts am Tor von D/A-Schlussmann Patrick Siefkes vorbei. Kurz nach der Halbzeit verfehlte er das Tor nach einer Flanke von Fabian Arndt ähnlich knapp. Nach einer Stunde tauchte der Top-Torjäger der Liga frei vor Siefkes auf, scheiterte aber am erfahrenen Drochterser Keeper. In der 66. Minute ließ er Siefkes mit einem strammen Flachschuss schließlich keine Chance und erzielte sein zwölftes Tor in der laufenden Spielzeit. Zehn Minuten vor dem Abpfiff grätschte Meikel Klee in Guders Schussbahn. Aus Osten fegten Windböen in das Kehdinger Stadion, die das filigrane Fußballspielen verhinderten. Der tiefe Boden ließ Finessen nicht zu.

„Für das Ausflippen sind andere zuständig“

Possel ist wie seine Statistik. Ruhig und ohne Gefühlsduseleien. Bei den beiden D/A-Toren regt er sich kaum. Ein leises Ja und die geballte Faust sind bei Possel schon ein Gefühlsausbruch. Ganz schnell setzt er sich wieder auf die Tischkante und steckt die Hände in die Jackentasche. „Für das Ausflippen sind andere zuständig“, sagt Possel und deutet zaghaft auf einen Mann ein paar Reihen vor ihm. Permanent beschimpft der den Schiedsrichter.

Possel kennt sie alle und alle kennen ihn. Wer etwas über D/A wissen will, fragt Egon. Wer hat für D/A die meisten Tore erzielt? „Lars Jagemann“, sagt er schnell und überlegt bei der Anzahl der Treffer nur kurz. 231. Wer war am häufigsten Spieler des Jahres? Dreimal Jagemann, dreimal Dierk Kapke, der heutige Trainer der dritten Mannschaft. Wer war als Trainer die längste Zeit im Amt? Lutz Bendler, zehn Jahre. Wenn Journalisten und Historiker anfragen, lässt Possel sie in seinen Aufzeichnungen stöbern.

Die SV Drochtersen/Assel ist Egon Possels Leben. Vor der Gründung 1977 war er Betreuer bei den VTV Assel. Selbst gekickt hat er nie. Für die traditionelle Blau-Rote-Nacht, bei der im Januar wieder die Spieler des Jahres gekürt werden, stiftet Possel immer eine Magnum-Flasche Bacardi. Diesmal gäbe es viele Kandidaten für die Auszeichnung. Nico Mau, Patrick Siefkes, Sören Behrmann, Oliver Ioannou vielleicht. Vor dem Spiel gegen Flensburg verteilte Possel am Stadioneingang noch die Stimmzettel an die Fans. Anfang der 1990er Jahre soll es bei der Abstimmung einmal Ungereimtheiten gegeben haben. Ein Vater habe ein paar Dutzend Mal für seinen Sohn gestimmt.

Es ist nicht nett, dass Stadionsprecher Dirk Ludewig Egon Possel nach dem Spiel bei der offiziellen Pressekonferenz als den Schuldigen dafür rügt, dass das Mikrofon auf der Tartanbahn nicht funktioniert. Possel sollte die Akkus eigentlich kontrolliert haben. Die Trainer improvisieren ohne zu murren und halten das Frage-Antwort-Spiel kurzerhand neben der Sprecherkabine ab. „Wer bei diesen Bedingungen zwei Tore schießt, hat es verdient zu gewinnen“, sagt Flensburgs Co-Trainer Marc Peetz, der den geschockten Chef-Coach Daniel Jurgeleit vertritt. Beim 1:2 sei kein Spieler auch nur in der Nähe eines Zweikampfes gewesen. D/A-Trainer Enrico Maaßen lobt seine Mannschaft für „die großartige kämpferische Leistung“. Er habe den Jungs vor dem Anpfiff gesagt, dass sie bei einem engen Spiel diesmal das Quäntchen Glück haben werden.

Egon Possel fegt am Montagmorgen auf der Tribüne die Kippen zusammen und wirft die leeren Bierbecher weg. Am Abend wird er wieder beim Training dabei sein und zuschauen. Possel ist eben immer da. Das letzte Spiel, das er verpasste, ist ein Jahr her. Damals lag er im Krankenhaus.

Die Statistik

Tore: 0:1 (66.) Guder, 1:1 (75.) Neumann, 2:1 (84.) Gooßen

SV Drochtersen/Assel: Siefkes, Gierke (63. Klee) Wolk, Mau, Zöpfgen, Elfers, Grahle, Ioannou, Nagel (86. Fiks), Neumann (90. Balat), Gooßen.

Schiedsrichter: Konrad Oldhafer (SC Poppenbüttel)

Zuschauer: 500

Nächstes Spiel: BSV Rehden – SV Drochtersen/Assel (Sbd., 26. November, 15 Uhr)

Stimmen zum Spiel

Flensburgs Co-Trainer Marc Peetz: „Beim 1:2 ist kein Spieler in die Nähe eines Zweikampfes gekommen. Entsprechend sprachlos ist unser Trainer Daniel Jurgeleit.“

D/A-Trainer Enrico Maaßen: „Matti Grahle steht sinnbildlich für unsere Situation. Nach sieben Monaten Verletzung spielte er von Anfang an. Jeder Spieler, der reinkommt, macht seine Sache richtig gut.“

D/A-Spieler Matti Grahle: „Der Wille hat den Ausschlag gegeben. Bei den Bedingungen war an Fußballspielen nicht zu denken.“

D/A-Spieler Oliver Ioannou: „Dieses Spiel hat gezeigt, wie viel Teamgeist und Moral in dieser Mannschaft stecken.“

D/A-Präsident Rigo Gooßen bat die Zuschauer vor dem Spiel, innezuhalten für den mit 84 Jahren verstorbenen Albert von der Reith, der ehrenamtlich für D/A engagiert war: „Wir haben einen Freund verloren, für den D/A Herzensangelegenheit war.“

Quelle: Stader Tageblatt